 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
Der Wendekanzler verdrängt den Hofjäger |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Stadtteil: Tiergarten Bereich: Südliches Tiergartenviertel Stadtplanaufruf: Berlin, Lützowufer Datum: 21. April 2026 Bericht Nr.:881
Die Hofjägerallee führt vom Großen Stern über die Verlängerung Klingelhöferstraße zum Landwehrkanal und zum Lützowufer, dem Ziel unseres heutigen Rundgangs. Hofjäger und Landjäger geistern mehrfach durch die Berliner Geschichte. Sie hatten die Aufgabe, als Bedienstete der Kurfürsten und Könige deren Jagdgebiet zu unterhalten und zu pflegen. Wenn die Landesherren auf die Jagd gingen, hatten die Hof- und Landjäger die Meute und ihre Betreuer zu versorgen. Bei der Jagd durfte ihnen kein Wild "durch die Lappen gehen". Wenn es auf die Treibjagd ging, wurden in manchen Richtungen Stofflappen aufgehängt, damit die Tiere an diesen Stellen nicht entwischen konnten.
Das Aufgabengebiet der Hofjäger und Landjäger war nicht nur das eines Försters und Jagdverwalters am fürstlichen Hof, sie wurden auch mit städtebaulichen Aufgaben betraut wie der Schaffung eines Vorwerks, eines Landguts und einer Kolonistensiedlung wie beim Landjäger Bock in Köpenick. Im Tiergarten hatte der Hofjäger Hemmrich im Auftrag des späteren Königs Friedrich I. 1698 den Großen Stern als Jagdstern angelegt. Das ist ein barockes System von Schneisen und Sichtachsen, die von einen zentralen Platz ausgehen und ein Jagdrevier für die Parforcejagd (Hetzjagd) erschaffen.
|
|
|
|
|
|
Großer Stern Was damals im Wald außerhalb von Ortschaften eingerichtet wurde, ist heute ein zentraler Platz mit einem mehrspurigen Kreisverkehr, auf den acht Alleen zulaufen. Und ein geschichtlicher Ort durch die Aufstellung der "Goldelse", der Siegessäule, die die Nazis vom Platz vor dem Reichstag hierher umsetzten. Weiterhin durch die Loveparade, die sich als politische Demonstration verstand und jahrelang den Großen Stern mit Menschenmengen in den internationalen Blickpunkt setzte.
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
An der Hofjägerallee gab es nicht nur das Winguthsche Etablissement, ein beliebtes Ausflugslokal im Tiergarten. Dort stand auch das Wohnhaus des Hofjägers, der den Großen Stern geschaffen hatte und der mit der Straßenbenennung geehrt wurde.
Folgen wir jetzt dieser Allee bis zum Lützowufer, das als Straße durch den Bau des Landwehrkanals (1845-50) entstanden ist. Wir sind hier im südlichen Tiergartenviertel, dem seit den 1870er Jahren "bevorzugten Wohnquartier des Neuen Westens“. In der Nähe des Lützowplatzes wohnten damals die Architekten Walter Gropius und Peter Behrens, der Kaufhausbesitzer Adolf Jandorf, der Großadmiral Alfred von Tirpitz, der Polizeipräsident Traugott von Jagow, der Molkereibesitzer Carl Bolle, die Maler Anton von Werner und Adolph von Menzel. Zu den Musiksoiréen und Matineen des Musikverlegers Fritz Simrock kamen die Komponisten Johannes Brahms, Anton Rubinstein, Antonín Dvořák und Max Bruch.
Tiergartenviertel Von dem Wohnquartier des Neuen Westens ist heute nichts mehr zu spüren. Eine Analyse der Bauausstellung IBA 1984/87 beschreibt, dass dieser Bereich in seiner städtebauliche Struktur "gestört" ist. Dafür waren mehrere Faktoren ausschlaggebend, die nacheinander auf das Viertel einwirkten: Speers Germania-Planung, Bombenschäden während des Krieges und die Nachkriegs-Planung für eine autogerechte Stadt. Eine nachhaltige Verbesserung brachte erst die "Kritische Rekonstruktion" durch die IBA 1984/87. Dies mit dem Ziel, das Stadtbild behutsam zu ergänzen und die historische Struktur mit modernen Techniken, Formen und Materialien zu rekonstruieren. Nach der Wende sind im Zeitalter bauwütiger Investoren wieder störende Eingriffe in die Stadtstruktur erfolgt ("eine Bauwelle rollt durch unser Viertel"). Dabei wurden auch ein ikonischer IBA-Bau abgerissen und Flächen in zweiter Reihe bebaut so nah wie möglich hinter den bestehenden IBA-Gebäuden ("Nachverdichtung").
Die Stadt als Garten Die IBA hatte das südliche Tiergartenviertel als "Demonstrationsgebiet" festgelegt, zu dem der Lützowplatz und seine Randbebauung sowie Energiesparhäuser am Landwehrkanal gehörten. Mit einer Wohnanlage am Westrand des Lützowplatzes hatte Oswald Mathias Ungers die Problematik des Wohnens an einem verkehrsreichen Platz so gelöst, dass die durchgehende Hausfront seiner Bauten den Verkehr wie eine Mauer abschirmte. Auf der Rückseite schuf er einen mediterran anmutenden durchgrünten Gartenraum mit backsteinernen Terrassen, Dachgärten und drei freistehenden Stadtvillen. Diese Wohnanlage war der "gebaute Gedanke", die Stadt als Garten zu begreifen: Wohn-, Grün- und Verkehrsflächen konnten so eng wie möglich miteinander verflochten werden.
|
|
|
|
|
|
Die Gebäude mit 83 Sozialwohnungen geriet nach der Wende in die Hände einer Investoren-AG, die zielstrebig auf einen Abriss hinarbeitete. Sie unterließ Instandsetzung und Neuvermietung, ließ die Wohnanlage verwahrlosen, bis aus Renditegründen nur noch ein Abriss mit Neubebauung möglich schien. Dieser Argumentation folgte das Landgericht, der Abriss war freigegeben. Einem Neubaukomplex mit Hotel, Büros und einige hochpreisigen Eigentumswohnungen verweigerte die Stadt aber die Genehmigung. Stattdessen konnte nach jahrelangen Verhandlungen in der Struktur Ungers Idee mit einem grünen Bereich im Innern durchgesetzt werden.
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
Wohnpark am Lützowplatz An der Ostseite des Lützowplatzes hat die IBA die großen Baulücken zwischen den wenigen verbliebenen Altbauten durch Neubauten mit dem "Wohnpark am Lützowplatz" geschlossen. Die Bebauung beginnt mit einem farbigen Eckbau Am Lützowplatz 1, dessen Fassadenflächen nicht an der Ecke aufeinandertreffen, vielmehr bleib das Mittelteil offen. Ein architektonisches Motiv, das an den "gesprengten" Giebel erinnert, eine im Barock häufig verwendete Figur von einen Giebel, der in der Mitte nicht geschlossen ist.
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
Hier am Bau der Nachkriegsmoderne ist es typisch, dass unernst auf das Formenrepertoire der Architekturgeschichte zurückgegriffen wird. Mit diesen Elementen spielt man, entfremdet sie, kombiniert sie neu, zufällig, ironisch.
Mehr zur Nachkriegsmoderne am Lützowplatz können Sie in meinem Bericht nachlesen: Weil der Architekt es so schön fand.
|
|
|
|
|
|
Stadthäuser Lützowstraße Mit dem "Stadthausquartier Lützowstraße" verfolgte die IBA das Ziel der städtebauliche Ergänzung und Neuordnung des Karrees. Es ist auch durch einen Zugang vom Lützowufer 14 aus erschlossen. Von der Lützowstraße aus gehen mehrere Erschließungsstraßen parallel nach Norden in den Baugrund hinein. Diese Privatstraßen fungieren als (halb-)öffentliche Zubringer zu den Reihenhäusern.
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
Zum Landwehrkanal und zur Fußgängerbrücke in den Tiergarten sind es nur wenige Schritte. So wurde citynahes, individuellen Hauseigentum mit begrenzten individuellen Ausbaumöglichkeiten geschaffen.
|
|
|
|
|
|
Haus am Lützowplatz Das Wohnhaus Lützowplatz 9 wurde 1873 als Wohnhaus erbaut. Es ist einer der wenigen erhaltenen Altbauten am Platz. Heute wird in dem "Haus am Lützowplatz" genannten Bau zeitgenössische Kunst ausgestellt. In den 1960er Jahren trat der Kabarettist Wolfgang Neuss im "Domizil" im Souterrain zunächst als "Mann mit der Pauke" auf. Später folgte sein Programm "Neuss Testament" mit bitterer Satire. Sein Eintreten für die Studentenbewegung der 68er Jahre machte ihn zum Feindbild der Springerpresse und isolierte ihn zunehmend. Eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus bezeichnet ihn als "eigenwilligen Kabarettisten".
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
Carl Duisberg Das Carl-Duisberg-Haus am Lützowufer 6-9 trägt den Namen eines umstrittenen Chemikers und Industriellen. Duisberg arbeitete nach seinem Chemie-Studium bei den Farbenfabriken Bayer, zuletzt als Mitglied des Vorstands. Er gehörte zu den Gründern des weltweit größten Chemiekonzern IG Farben, der wegen der Unterstützung von Kriegsverbrechen nach dem Krieg von den Alliierten zerschlagen wurde. Im Ersten Weltkrieg gehörte Duisberg wie Otto Hahn und Fritz Haber zu den Wissenschaftlern, die chemische Kampfstoffe entwickelten und erforschten, um sie am Gegner zu „erproben“.
Nach Duisberg wurden Schulen und Straßen benannt, er wurde Ehrenbürger von Leverkusen und Ehrendoktor in Dresden. Die Chemiker-Gesellschaft vergibt als Ehrung die Carl-Duisberg-Plakette und den Carl-Duisberg-Gedächtnispreis. In Berlin trägt das Geschäftshaus am Lützowufer seinen Namen. In Städten wie Leverkusener, Lüdenscheid und Bonn sind Ehrungen für Duisberg inzwischen beseitigt worden, in Frankfurt und Wuppertal liegen entsprechende Anträge im Stadtrat vor. Auch wenn eine Persönlichkeit vielschichtig ist und sein Leben vielleicht nicht an einzelnen Einstellungen gemessen werden kann, sind vielfache persönliche Vergehen gegen die Menschlichkeit ein Grund, ihn nicht auch noch zu ehren.
Herkules Eine Brücke, ein Ufer und früher auch noch ein Brunnen und ein Gebäude sind/waren nahe Lützowplatz nach dem für seine Stärke bekannten Helden der griechischen Mythologie benannt. Herakles - Sohn des Zeuss - war ein Halbgott, er wurde mit einer Keule und Insignien seiner Kraft dargestellt. Der Sage nach musste einen den erymanthischern Eber, der in den Wäldern wütete, lebend fangen. Eine Skulptur auf dem Lützowplatz zeigt den sich aufbäumenden Eber, nach langer Verfolgung mit aufgerissenem Maul, die Vorderläufe fast waagrecht nach vorne ausgestreckt. In diesem Zustand wird er von Herakles wehrlos in die Luft gehoben.
Die Bronzeskulptur - der Nachguss des um 1900 geschaffenen Originals - stellt eine gedankliche Verbindung zu weiteren kraftvollen Siegen des Herkules her, die auf der Herkulesbrücke durch Skulpturen gewürdigt wurden. Die Brücke - über die der Verkehr Richtung Hofjägerallee und Großer Stern fließt - war 1850 als Klappbrücke geschaffen worden und wurde 40 Jahre später durch eine Steingewölbekonstruktion ersetzt worden. Im Zweiten Weltkrieg gesprengt, wurde sie nach dem Krieg durch einen schmucklosen Neubau ersetzt.
Das Herkules-Haus stand direkt am Lützowplatz und wurde als Hotel und von den Nazis als "Privatkanzlei" Hitlers genutzt. Auch dieses Gebäude hat den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden.
|
|
|
|
|
|
Skulpturen auf dem Lützowplatz Auf dem Lützowplatz stand seit 1903 ein Schmuckbrunnen, der Herkulesbrunnen, der ebenfalls ein Opfer der Bomben wurde. An seiner Stelle steht heute die Bronzeskulptur von Herkules' Kampf mit dem erymanthischen Eber (siehe Titelbild oben). Bei einem Bildhauer-Symposiums, dass das Bezirksamt 1990 veranstaltet hat, sind drei abstrakte Kunstwerke aus Hartgestein und Metall entstanden, die ihren Standort an der Nordseite des Platzes gefunden haben. Ein Bronzeensemble von Sabrina Grzimek, "Stehende und ruhende Gruppe" war zu DDR-Zeiten im Lustgarten aufgestellt worden. 1995 holt eine Galerist sie zum Lützowplatz. Gezeigt werden zwei Gruppen von stehenden und liegenden nackten Figuren.
|
 |

mit KLICK vergrößern
|
|
|
|
|
|
Hofjägerallee wird Helmut-Kohl-Allee Kommen wir noch einmal auf die Hofjägerallee zurück, die jetzt den Namen des "Kanzlers der Einheit" bekommt. Mit beiden CDU-Kanzlern, die zur Zeit von Mauerbau und Mauerfall regiert haben, hatte Berlin seine Schwierigkeiten. Konrad Adenauer gab den Berlinern nach dem Mauerbau keine fühlbare Unterstützung, blieb in Bonn statt spontan in die Stadt zu kommen. Als nach seinem Tod der Kaiserdamm in Adenauerdamm umbenannt wurde, musste das wegen der massiven Bürgerproteste rückgängig gemacht werden. Statt dessen wurde am Kudamm eine Fläche des Bürgersteigs von 4.000 qm - so groß wie ein Villengarten - als Platz nach ihm benannt. Das hatte den Vorteil, dass niemand protestieren konnte - der Platz hat keine Anwohner. Dort läuft Adenauer jetzt in Bronze mit wehendem Mantel auf einem rechteckigen Sockel.
Helmut Kohl kam zwar am Tag nach dem Mauerfall nach Berlin und sprach vor dem Schöneberger Rathaus zu den Bürgern. Statt den Mauerfall zu feiern, sprach er ohne große Begeisterung von einer "großen Bewährungsprobe" und wurde von den Berlinern ausgepfiffen, während Willi Brand das Zusammenwachsen der beiden deutschen Halbstädte und Halbstaaten pries. Wie weitschauend und listig bei der jetzigen Ehrung mit einem Straßennamen für Helmut Kohl umgegangen wird, kann man daran ermessen, dass auch die Hofjägerallee keine Anlieger hat, die Einwände erheben könnten: Sie führt knapp einen halben Kilometer durch den parkartigen Tiergarten. --------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
-------------------------------------------------------------- Unsere Route: --------------------------------------------------------------
|
|
|
zum Vergrößern ANKLICKEN |
|
|
|
|
|
Die vorüberschreitende Menge zum Verweilen bringen
|
|
 |
|
 |