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Die vorüberschreitende Menge zum Verweilen bringen |
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Stadtteil: Tiergarten Bereich: Tiergartenviertel Stadtplanaufruf: Berlin, Hitzigallee Datum: 5. Februar 2026 Bericht Nr.: 878
In den ersten Februar-Wochen 2026 haben Glatteis und starker Schneefall das Vergnügen verhindert, durch belebte Straßen zu gehen und die Zeichen der Stadt zu erforschen und zu deuten. Da hilft es, in alten Bauzeitschriften zu blättern, um ein virtuelles Flanierziel zu finden. In der Deutschen Bauzeitung von 1897 erweckt die Baubeschreibung einer Stadtvilla unser Interesse. Einer Villa, die ein Bankier Oskar Rothschild in der Regentenstraße erbauen ließ. An einer Straße, die es im heutigen Stadtplan nicht mehr gibt. Lokalisiert war sie im Tiergartenviertel, das selbst eine vergessene Welt ist, ein "Mythos".
Tiergartenviertel, "Alter Westen" In Berlin wurde in den 1820er Jahren nach den Befreiungskriegen der Raum zu eng. "Die Bevölkerung Berlins hat sich in den letzten Jahrzehnten in fast beispielloser Weise vermehrt. Während dieselbe 1820: 201,900 Personen betrug, stieg sie bis 1849 auf 410,726", berichtet Meyers Konversationslexikon. Das führte zu einer Ausdehnung der Stadt Richtung Tiergarten. Dort entstand im Tiergartenviertel der "Alte Westen" (heute so genannt in Abgrenzung vom "Neuen Westen" um Zoo und Kudamm). Zunächst als Ort der „Sommerfrische“, mit Sommerhäusern und riesigen Gärten, daraus entwickelte sich bald eine begehrte Wohngegend. Eine für Berlin beispiellose Pracht entstand. Häuser von einmaliger Großzügigkeit wurden gebaut, es waren meist Stadtvillen, einige eher Palais'. Viele Grundrisse waren schlossartig angelegt.
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Die Regentenstraße zwischen Reichpietschufer und Tiergartenstraße gibt es nicht mehr, dort ist auch die gesamte frühere Bebauung verschwunden. Sie erhielt 1947 den Namen Hitzigallee und wurde auf die Hälfte verkürzt, von 460 m auf 220 m Länge. Die nördlichen Hälfte wurde entwidmet und überbaut. Namensgeber der Straße wurde der jüdische Architekt Friedrich Hitzig, der als "Itzig" geboren war und nach dem Übertritt zum Christentum seinen Namen änderte.
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Regentenstraße Mit der 1860 angelegten Straße wurde der spätere Kaiser Wilhelm I. geehrt, der 1858 als "Prinzregent" die Regentschaft für seinen erkrankten Bruder übernahm. Nach dessen Tod wurde er 1861 König von Preußen. Wegen seiner Haltung während der Märzrevolution 1848 war er als "Kartätschenprinz“ bei den Berlinern äußerst unbeliebt.
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Albert Speers Plänen für die "Reichshauptstadt Germania" sahen vor, die Straße in der Nazizeit komplett auszulöschen und ihre Bauten abzureißen. Für "Germania" war eine Prachtallee vom Reichstag Richtung Süden geplant, die am Südkreuz in einem Triumphbogen enden würde. 1939 wurde mit den Abrissen begonnen, die Regentenstraße verschwand völlig vom Stadtplan. Bei Kriegsende waren nur noch einzelne Ruinen vorhanden, die entfernt wurden. Germania wurde nie gebaut, den Vorbereitungen fielen auch das Alsenviertel, mehrere Friedhöfe und viele Wohnbauten zum Opfer.
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Nur die östliche Seite der Regentenstraße war bebaut, die Grundstücke zählten anfangs bis Hausnummer 21. Die gegenüberliegende Seite war durch Grün ohne Bebauung geprägt. Die bebauten Grundstücke gingen bis zu 100 Meter in die Tiefe, bei Parzellenbreiten bis 25 Meter waren sie bis zu 6.000 qm groß. Nur die aus einer Grundstücksteilung hervorgegangene Parzelle 19 a war mit 17 Meter Front schmaler, hatte aber auch 68 Meter Tiefe. Viele Grundstücke hatten Nebengebäude, Ateliers, Kutscherhäuser.
Bewohner In den Adressbüchern von 1900, 1920 und 1930 findet sich ein differenziertes Bild der Berliner Gesellschaft, wobei vor allem wohlhabende und reiche Bürger in der Überzahl sind. Dazu gehören Schriftsteller, Maler, Bankdirektoren, Hofbauräte, Baumeister, Architekten, Fabrikbesitzer, Colonialwarenhändler, Kohlenhändler, Buchdruckereibesitzer, Buttergroßhändler ("engros"), Buchhändler, Apothekenbesitzer. Vielfach auftretende Bezeichnungen wie Rentier, Pensionär, Invalide erlauben keine Einschätzung über die finanzielle Potenz der Bewohner. Es gab nicht nur Palais' und Stadtvillen, sondern auch Mietwohnungen, in denen Bedienstete wie Portier, Hausdiener, Kutscher, Postbote wohnten.
Botschaftsviertel Im Laufe der Zeit siedelten sich Botschaften und Vertretungen in der Regentenstraße an: Die Botschaften von Spanien, Argentinien, der Tschechoslowakei, die anfangs als Gesandtschaften eingerichtet waren, und das Konsulat Uruguays. Die Jugoslawische Gesandtschaft residierte bis zu ihrem Umzug jahrelang in der Regentenstraße. Das eigentliche "Botschaftsviertel" entstand später im Tiergartenviertel westlich der Stauffenbergstraße.
Bauten Über mehrere Bauten existieren virtuell gespeicherte Bauakten, die aber nicht im öffentlichen Zugriff sind. Über andere findet man Informationen in digitalisierten Bauzeitschriften und auf Wikipedia. Drei von diesen Bauten sollen hier vorgestellt werden.
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Regentenstraße 1 Ecke Tiergartenstraße, Villa Staudt Das Stadtpalais auf dem Eckgrundstück wurde für den Großkaufmann Staudt mit einer "verschwenderischen Opulenz" errichtet. Der Bauherr verfügte über "beträchtliche finanzielle Mittel", er war gleichzeitig Konsul Uruguays. Dem Architekten des herrschaftliche Neubaus wurde "überquellender Reichthum der Gedanken“ und eine "große Gewandtheit in der Verschmelzung der schönen Formen“ bescheinigt.
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Die Fassaden waren in ihrer Wirkung darauf ausgelegt, die "vorüberschreitende Menge zum Verweilen zu zwingen". Welch eine Fülle von Zitaten und Allegorien aller Gattungen und Epochen: Dargestellt waren antike Frauengestalten ("Leben und Tod"), stilisierte Köpfe Bismarcks und Moltkes, Reliefs ("Handel, Kunst und Wissenschaft") , römische Allegorien ("Krieg und Sieg"), Putten und Siegesgöttinnen. Kapitelle mit Frauenköpfen ("Fleiß, Erwachen, Licht"), weibliche Skulpturen ("Handel, Schifffahrt, Industrie, Landwirtschaft"). Über allem thronte ein liegender Löwe.
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Im Innern gab es antike und mythologische Motive auf Wandmalereien mit "eigenartigem Farbenreiz“, der „herrliche Raumstimmungen“ hervorbrachte. Von den Innenräumen ist beispielsweise das Musikzimmer in einer Fotografie festgehalten. Das Gebäude wurde 1943 ausgebombt, die Ruine später abgetragen. Das Schwärmen über dieses wunderschöne Palais wollen wir hier beenden, um noch zwei weitere außergewöhnliche Bauten vorzustellen.
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Regentenstraße 19, Eduard Arnhold Das Grundstück Regentenstraße 19 war nachträglich geteilt worden, die Bauten auf den Grundstücken 19 und 19a wurden unabhängig voneinander dokumentiert und sind eine Betrachtung wert. Der Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold kaufte die von einem Ethnologen errichtete Stadtvilla Nr. 19 und ließ sie für die Präsentation seiner Kunstsammlung wesentlich umbauen und einen Galerietrakt mit Oberlicht einbauen. Das Ergebnis war ein mehr als eintausend Quadratmeter großes Palais, (von ihm scherzhaft "Regentenhof" genannt). Arnhold war ein ambitionierter Kunstsammler. In beiden Sälen mit Oberlicht waren die zentralen Bestandteile der Sammlung mit Werken von Manet, Monet, Pissarro, Sisley, Böcklin und Liebermann öffentlich zugänglich ausgestellt.
Arnhold wird im Adressbuch als "Kohlenhändler" bezeichnet, tatsächlich erwarb er seinen Reichtum mit der Kontrolle über die schlesische Steinkohle. Als Repräsentant der jüdisch-deutschen Großbürger im alten Tiergartenviertel war er ein vorbildlicher Mäzen. Er engagierte sich mit beträchtlichen finanziellen Mitteln für das Gemeinwohl, war Förderer der Berliner Museen und Gründer der Villa Massimo in Rom und einer der Gründerväter der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Arnold war 1912 einer der drei reichsten Bürger Berlins, 1913 wurde er als einziger Jude in den preußischen Landtag berufen.
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Der Platz vor dem Kulturforum wurde 2024 nach Johanna und Eduard Arnhold benannt. Damit soll dem Sammlerehepaar Arnhold "zu einem gebührenden Erinnern in der Hauptstadt“ verholfen werden. Gleichzeitig soll das verhindern, dass "jüdische Menschen aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden". So wie die Nazis das perfide angestellt haben, indem sie jüdische Namen totschwiegen.
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Regentenstraße 19 a, Oscar Rothschild De Stadtvilla Regentenstraße 19 a hat der jüdischen Bankier Oscar Rothschild errichten lassen. Anders als der Name Rothschild vermuten lässt, hat Oscar Rothschild keine verwandtschaftlichen Verbindungen zu den bekannten amerikanischer Bankern.
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Die Beschreibungen der Stadtvilla gehen zurück auf den eingangs erwähnten Bericht in der Deutschen Bauzeitung. Die Straßenfassade sei nach "halb gothischen Frührenaissance-Formen gestaltet", die übrigen mit weißen Verblendsteinen. Die Innenräume "ohne auffallenden Prunk, aber in grösster Gediegenheit und Gefälligkeit" mit Holzdecke, Täfelungen und Stuck. Die Dame des Hauses habe sich mit besonderer Liebe um die Beleuchtungs-Einrichtungen gekümmert, verschieden wirkenden Beleuchtungsarten und Lichtträger genutzt.
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Nachkriegszeit In der Nachkriegszeit ist das alte Tiergartenviertel nicht wiederhergestellt worden. Um den "Mythos" aufzulösen, der in den Jahrzehnten danach entstanden ist, hat die Kunstbibliothek - die selbst auf einem Teil der untergegangenen Regentenstraße erbaut wurde - gerade eine Ausstellung mit Vortragsreihe eingerichtet.
In den 1980er Jahren wurde begonnen, die Pläne zur Neugestaltung als Kulturforum mit Philharmonie umzusetzen. Dazu hat man 1982 die nördliche Hälfte der Regentenstraße, den Teil zwischen Sigismundstraße und Tiergartenstraße entwidmet, der südliche Teil blieb als Hitzigallee erhalten. 1987 wurde mit dem Neubau der Kunstbibliothek begonnen.
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Die Hitzigallee wird am Reichpietschufer vom Shellhaus (1931) und dem Wissenschaftszentrum (1979) eingerahmt. Eine besondere Lage zwischen klassischer Moderne und Postmoderne, die aber nicht den Verlust des historischen Substanz wettmanchen kann.
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-------------------------------------------------------------- Die Regentenstraße im Stadtplan von 1867 --------------------------------------------------------------
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Die Spree mäandert durch Berlin
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