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Die Vergangenheit kennen, die Gegenwart verstehen |
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Stadtteil: Mitte Bereich: S-Bahn-Viadukt Stadtplanaufruf: Berlin, Diercksenstraße Datum: 6. Juni 2026 Bericht Nr.:883
In der Innenstadt fährt die S-Bahn zwischen neun Bahnhöfen auf einem Viadukt, der ursprünglich aus 731 gemauerten Bögen bestand. 150 Millionen Ziegelsteine wurden dafür ab 1874 in Handarbeit vermauert, denn man musste ohne schwere Baumaschinen auskommen. Der Berliner Oberbaurat August Dircksen hatte diese Idee einer Ost-West-Verbindung, die zum Ausgangspunkt und Motor der Erschließung und Bebauung neuer Wohngebiete, neuer Industriegebiete und neuer Stadtteile wurde. Die Bögen selbst wurden an Gewerbebetriebe vermietet, heute beherbergen sie - je nach Lage - ca. 30 Gaststätten und Läden wie den "Bücherbogen" (!) am Savignyplatz.
August Diercksen Dircksen kam aus dem Eisenbahnbau, bevor er städtischer Baurat wurde. Die Stadt hat ihn mit einer sinnreichen Straßenbenennung geehrt: Die jetzt nach ihm benannte frühere "Stadtbahn-Parallelstraße" begleitet den Viadukt vom Hackeschen Markt über den Alexanderplatz bis zur Jannowitzbrücke. Das ist ein ganz besonderer Abschnitt, über den folgendes zu berichten ist:
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Um den Viadukt zu errichten, wurde zwischen Hackeschem Markt und Jannowitzbrücke der historische Festungsgraben zugeschüttet. Den instabilen, morastigen Boden hatte man damals nicht unterschätzt, man hatte Kiefernpfähle 10 Meter tief im Boden versenkt, um festen Grund zu erreichen. Man denke an Schillers Gedicht " Die Glocke: "Fest gemauert in der Erden ..."
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Anders als in der Jetztzeit, wo "überraschend" beim Bauen einige Mal der Untergrund nachgab: Beispielsweise beim U-Bahnbau ("Nasses Dreieck"), beim Autobahntunnel Schlangenbader Straße, vor kurzem bei Hochhäusern über dem U-Bahntunnel Alexanderplatz), Die Liste ließe sich fortsetzen.
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Festungsbau, Festungsgraben Und damit sind wir beim Festungsgraben, der heute eigentlich ein Anachronismus ist. In unseren Berichten oft zitiert, aber schon seit mehreren Hundert Jahre nicht mehr vorhanden. Doch das ist genau der springende Punkt: Die Gegenwart kann man oft besser verstehen, wenn man die Vergangenheit kennt. Deshalb noch einmal zurück zum Jahr 1688, als auf dem Stadtplan ein mehrzackiger Stern um das alte Berlin sichtbar war, die Festung Berlin.
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Mit dem Festungsbau wurde 1658 begonnen. Für den Bau der Festung musste die Bevölkerung leiden, die Berliner wurden "wie leibeigene Bauern zur Schanzarbeit gezwungen". Bis 1683 gingen diese Baumaßnahmen. Ein Festungsgraben umfloss die sternförmig um die Residenzstadt angeordneten Mauern, Bastionen und Stadttore. Südlich der Spree war es der "Grüne Graben" am heutigen Köllnischen Park, im Nordosten der Königsgraben mit dem heutigen S-Bahn-Viadukt. Im heutigen Stadtplan würde der Graben merkwürdig anmuten, so verlief er quer über die Straße Unter den Linden. In den Festungsgraben geriet Abwasser der noch nicht kanalisierten Stadt, dadurch wurde er an manchen Stellen zum "stinkerigen Graben".
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Militärisch war die Festung schon bei ihrer Fertigstellung überholt, weil die Kriegstechnik Geschütze entwickelt hatte, die über die Wälle und Mauern hinweg in die Stadt hinein schießen konnten. Da die Festung den Zugang zur Stadt behinderte, legte man Brücken über den Festungsgraben an, die als Kolonnaden ausgestaltet waren. Beispielsweise die Königskolonnaden, die später auf Wanderschaft gingen und heute im Kleistpark stehen.
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Oder die Mohrenkolonnaden, deren flankierende Gebäude heute vom Bundesjustizministerium genutzt werden. Von den Spittelkolonnaden steht nur noch ein Teil.
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Entfestigung und Nachnutzung Bereits 1734 wurde damit begonnen, die Festung wieder abzutragen. Den bis zu 30 Meter breiten Festungsgraben hat man ab 1816 nach und nach zugeschüttet. Die Fläche wurde für neue Vorhaben genutzt, beispielsweise für das "Palais am Festungsgraben". Und ab 1748, um den Köllnischen Park anzulegen. Er nimmt an der Wallstraße (!) den Platz der Bastion VII ein, dem damaligen "Bollwerk im Morast.
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Weiteres Beispiel: Im Hof des Grenanderhauses am ehemaligen Königsgraben entstand ein Umspannwerk für die U-Bahn. Dabei haben Plätze wie der Hausvogteiplatz oder der Hackesche Markt heute noch den Grundriss aus Festungszeiten. Spitze Blockkanten weisen auf Bastionsspitzen hin. Straßennamen wie Wallstraße oder Contrescarpe (Böschung) früher für die Münzstraße verweisen auf Funktionen aus der Festungszeit.
Frühere Festungsanlagen anderer Städte Mit geübtem Blick erkennt man andeutungsweise auf Stadtplänen historisch gewachsener Städte, dass ein Graben um eine Festung vorhanden war, mit der eine Altstadt, eine Burg oder ein Schloss geschützt wurde. Selbst in einer brandenburgischen Kleinstadt wie Bad Liebenwerda findet man einen Graben, der den Burgplatz und das ehemalige Schloss umschließt, auf das die Schloßstraße hinweist.
Hamburg schuf auf dem freigewordenen Festungsgelände den Park "Planten un Blomen", umgeben von Gorch-Fock-Wall (!) und Sternschanze (!). In Paris haben der Place de la Concorde und das Grand Palais an den Champs-Élysées Bereiche der ehemaligen Stadtbefestigung eingenommen.
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Wien hat auf dem ehemaligen Festungsgraben eine Folge von Ringstraßen (z.B. Opernring, Burgring, Universitätsring, Parkring) angelegt, an denen repräsentative kommunale Bauten wie beispielsweise Hofoper, Burgtheater, Universität errichtet und Parkanlagen angelegt wurden. So wurde die Ringstraße zur großen Prachtstraße Wiens.
Die Liste ehemaliger Festungsstädte lässt sich nahezu endlos fortsetzen.
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Frieden? Die friedliche Nachnutzung kriegerischer Anlagen hat zwar die Erinnerung an Feindseligkeiten weitgehend aus dem Stadtbild verschwinden lassen, doch Frieden ist dadurch nicht dauerhaft eingekehrt. Es gibt für ihn keine hinreichende Definition, auch wenn der einzige Ort, an dem man immer Frieden findet, das Lexikon ist. Schon Plato wusste, dass nur die Toten das Ende des Krieges gesehen haben. Lassen wir dem Spötter Mark Twain das letzte Wort hierzu: "Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Kriegsbeil liegt". --------------------------------------------------------------
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Berlin ist älter
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