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Obstwiese mit akademischen Lauben


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Freie Universität
Stadtplanaufruf: Berlin, Otto-von-Simson-Straße
Datum: 18. Dezember 2017
Bericht Nr.:610

Geheimrat - das war ursprünglich der ins Vertrauen gezogene Ratgeber seines Fürsten, der ihn über die wichtigsten Landesangelegenheiten beriet. "Geheim" wurde dort in der Wortbedeutung "vertraut" verwendet. Später wurde der "Geheime Rat" um den Begriff "wirklich" ergänzt, der auf das Handeln oder Tätigsein verwies. Mit der Verleihung des Titels "Wirklich Geheimer Rat" hat der preußische Staat dann später höchste Beamte ausgezeichnet.

Es gab einen preußischen Ministerialbeamten, bei dem der "Wirklich Geheime Rat" in seinem heute gewandelten Wortverständnis von "geheim" seine volle Berechtigung hätte: Friedrich Althoff, Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium, hat bis zu seinem Tod 1908 das Hochschulwesen in Preußen über Ressortgrenzen hinweg maßgeblich bestimmt, reformiert und ausgebaut, ohne je ein Ministeramt zu bekleiden. Seine "leitende Hand" blieb im Verborgenen, seine "Geheimdiplomatie“ stützte sich auf ein Netz von Vertrauensleuten. Faktisch war Althoff Leiter des gesamten Unterrichts- und Hochschulwesens in Preußen.

Dahlem - Stadt der Wissenschaft
Als die Domäne Dahlem (1) aufgelöst und als Bauland vermarktet wurde, brachte er Professoren der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (2) dazu, ihren künftigen Raumbedarf in einer Eingabe an Kaiser Wilhelm II. anzumelden. Es war seine Idee, hier eine "Stadt der Wissenschaft" zu etablieren, doch sein Name tauchte offiziell nicht auf, als die Wissenschaftler ihre Terrainansprüchen vortrugen.

Zwischen Königin-Luise-Platz und Thielplatz entstand so ein Wissenschaftsstandort, der aber im Kaiserreich nicht vollständig ausgebaut wurde. An der Thielallee wurden ab 1902 die Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gebaut. Am Königin-Luise-Platz entstand die Königliche Gärtnerlehranstalt. Dazwischen lagen die Obst- und Gemüsebauquartiere. Die Neubauten, die die Freie Universität in Dahlem zwischen Habelschwerdter Allee und Fabeckstraße errichtet hat, stehen auf Gelände, das für den Ausbau von Althoffs Wissenschaftsstadt vorgehalten wurde.

Damals konnte niemand ahnen, dass sich aus der Berliner Universität (jetzt Humboldt-Universität) in Zeiten der DDR-Diktatur eine Freie Universität (4) ausgliedern und den Platz dringend brauchen würde. Seit den 1960er Jahren wurden immer mehr gärtnerisch genutzte Flächen mit Instituten der FU bebaut. So endete auch die Obsternte auf dem westlich der Fabeckstraße gelegenen Versuchsgelände für Obstbau, der Bereich wurde für die Rostlaube freigeräumt.

Rostlaube, Silberlaube
Die Freie Universität hatte nach der Gründung im Titania-Palast aus dem Stand ihre Tätigkeit in West-Berlin in gemieteten Villen im Umkreis der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aufgenommen. Um dem steigenden Raumbedarf gerecht zu werden, wurde 1963 ein Architekturwettbewerb zur "Bebauung des Obstbaugeländes" ausgeschrieben. Erweiterungsfähig, also baulich flexibel sollte die neue Anlage werden. Die Kommunikation sollte sie fördern, die Grenzen zwischen den einzelnen Fakultäten aufheben. Die französische Architektengruppe, die den Wettbewerb gewann, entwickelte eine Megastruktur, die sich wie ein Teppichmuster nach allen Seiten ausdehnen kann.

Im Innern erschließen "Hauptstraßen" (mit Buchstaben) und rechtwinklig kreuzende "Nebenstraßen" (mit Zahlen) die Gebäude. Die Straßen K und L durchqueren den Komplex in voller Ausdehnung. Der Neubau nahm die geisteswissenschaftlichen Institute auf. Gebaut wurde ein Rastersystem, das an Vorstellungen von Le Corbusier anknüpft. Ausführlich beschrieben habe ich die Raumstruktur in meinem Bericht Universitätscampus und akademische Räume.


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Für die Außenhaut des Neubaus wurde ein Stahl verwendet, der Rost als Patinaschicht bildet. Dass die Stahlplatten durchrosten, war nicht vorgesehen. Der Spitzname "Rostlaube", den dieser Bau wegen dieser "Materialität" erhielt, ist inzwischen zur offiziellen Bezeichnung geworden. Im zweiten Bauabschnitt - der den Strukturen der Rostlaube entspricht - wurde Aluminium als Außenverkleidung gewählt, die "Silberlaube" entstand. Der Berliner Stadtbauarchitekt Rainer Rümmler (3) - dessen Bauten meist durch ausschweifende Farbigkeit und üppige Formen gekennzeichnet sind - baute an die Silberlaube eine Mensa an, die sich von ihren Proportionen her völlig von Rost- und Silberlaube abhebt.

Der Stararchitekt Norman Foster übernahm den Auftrag, die Rostlaube zu sanieren und eine philologische Bibliothek einzubauen. Dafür wurden sechs Innenhöfe der Rostlaube zusammen gelegt und der Bibliotheksbau an die Straßen K und L angedockt. Mit der frei geformten Außenhülle aus Aluminiumsegmenten gleicht die Bibliothek der Form eines Gehirns, das gab ihr den Spitznamen "The Brain".

Als die Pädagogische Hochschule in Lankwitz aufgelöst und auf die West-Berliner Universitäten verteilt wurde, kam die Bibliothek der Erziehungswissenschaftler zur Freien Universität. In Verlängerung der Rostlaube entstand hierfür ein Erweiterungsbau, der den Raster der beiden Lauben aufnimmt, sich aber durch ein hohes Glasdach von dem Baukörper absetzt.

"Nationalsozialistische Revolution“ und Mittelalter
Gerade einmal 10 Monate nach der Machtübernahme feierten deutsche Hochschullehrer die "nationalsozialistische Revolution“ und bekannten sich in einer akademischen Festveranstaltung zu Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. "Das sogenannte Mittelalter ist eine noch gänzlich gesunde Epoche europäischer Kultur gewesen", sagte ein Festredner, "das, was heraufkommt, das will im edelsten Sinne wieder einmal ein neues Mittelalter werden". Das Mittelalter, das er beschwor, kam dann wie bekannt ist ganz anders, kulturlos und mörderisch.

Der Künstler Karlheinz Biederbick hat unter dem Titel "Aufbruch“ Reliefminiaturen in Terrakotta geschaffen, die die Fotos jenes Festakts in dreidimensionale Plastiken umsetzen. In einer Vitrine in der Eingangshalle der inzwischen umgebauten Rümmlerschen Mensa sind diese Arbeiten zu sehen. Biederbeck hat sich dem Realismus verschrieben, kam von Polyester-Figuren zu den Terrakotta-Arbeiten. Er empfindet es beim Ausarbeiten der Reliefs als "kleinen Triumph, die Akteure als Würstchen durch die Finger gleiten zu lassen".


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Holzlaube
In einem dritten Bauabschnitt wurden die "kleinen Institute" in die Megastruktur hereingeholt, es entstand die Holzlaube. Die kleinen Fächer beschäftigen sich mit Wissenschaftsgebieten wie Vorderer Orient, Ostasien, Religionen, Altertum. Sie waren vorher in einzelnen angemieteten Villen untergebracht. In der bis zu dreigeschossigen Holzlaube führen Treppenhäuser zu den abgeschlossenen Einheiten der 14 kleinen Institute. Die ursprüngliche Idee beim Bau der Rostlaube, keine Grenzen zwischen den Instituten zu ziehen, wurde hier nicht verwirklicht.

Die Außenhülle besteht aus Holz der Alaska Yellow Ceder, einer Zypressenart, die umgangssprachlich unzutreffend als Zeder bezeichnet wird. Es entstand eine helle Architektur mit gefällig abgerundeten Ecken, erst in der Nahaufnahme wird die Holzmaterialität deutlich. Die Holzlaube führt die Struktur einer mit Höfen durchsetzten Gebäudetopographie fort. In ihr haben auch die Campusbibliothek und Unterrichtsräume in einer "Seminarspange" Platz gefunden.


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Zur Fabeckstraße endet dieser Bauteil säulenbestanden neben dem "Kirschbaumhain“, einem großräumigen Eingangsplatz, der vielleicht einmal mit einer vierten Laube bebaut werden wird.

Wenn man die innere Organisation der Lauben verstanden hat - Straßen mit Buchstaben, kreuzende Wege mit Zahlen - kann man sich innerhalb eines Gebäudes orientieren. Unübersichtlich wird es, wenn man die Straße verlässt und sich einem kreuzenden Weg anvertraut. Dann kann man in der Mensa landen, die wie gesagt aus dem Raster fällt. Oder man landet in der Campusbibliothek, in der eine Einbahnstraße endet. Kommt man von der Fabeckstraße zur Holzlaube, dann gelangt man in die Treppenhäuser, die zu den abgeschlossenen Einheiten der kleinen Institute führen.

Ein Bau für die Studenten
Ein AStA- Allgemeinen Studentenausschuss - ist meist progressiver oder provokativer als die von ihm vertretenen Studenten. Der FU-Studentenausschuss befasst sich aktuell mit "Enthinderungsberatung: Die Uni ist behindert. Lass uns sie zusammen enthindern". Es ist immer auch ein Autoritätskonflikt, den die junge Generation austrägt.

Um die besondere Wertschätzung auszudrücken, die die Studentenschaft bei ihr erfährt, ließ die Freie Universität einen außergewöhnlichen Bau für den Allgemeinen Studentenausschuss AStA bauen. Der Stararchitekt Frank Gehry wurde dafür ausgesucht, doch er lehnte ab. Zwei Berliner Architekten übernahmen den Job und schufen "Wow-Architektur", die aber erstaunlicherweise weitgehend unbekannt geblieben ist. Das Hauptgebäude ist eine umgedrehten Pyramide, die mit Kupferblech gedeckt ist. Im Kontrast zu dem grünen Kupferdach steht ein blaues trichterförmiges Gebäude für den Fahrstuhl, das ebenso an die Pyramide angedockt ist wie ein weißes dreistöckiges Bürogebäude mit Bullaugen.

Doch dann endete die besondere Wertschätzung vor dem Berliner Verwaltungsgericht. Die FU wollte den Bau nach der Fertigstellung lieber für einen gewinnbringenden Zweck einsetzten und ihn für die Weiterbildung Universitätsfremder nutzen, der AStA klagte dagegen. Das Gericht gab der Unileitung recht, weil "die Bedingungen sich an der Universität stark verändert hätten". Der AStA empörte sich mit einer nächtlichen symbolischen Besetzung, fügte sich dann aber. Heute sitzt er ein paar Häuser weiter in einem Altbau. In dem außergewöhnlichen Neubau haben wir bei unserem Rundgang keine Aktivitäten feststellen können, die Weiterbildung vollzieht sich wohl im Stillen.

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(1) Domäne Dahlem: Dorf ohne Bauernhöfe
(2) Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Amerikanische Vorbilder
(3) Stadtbauarchitekt Rainer Rümmler: Rümmler , Reiner
(4) mehr über die Freie Universität:
> Universitätscampus und akademische Räume
> Amerikanische Vorbilder

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Der Campus der FU in Dahlem (Lauben sind markiert):
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Drehbühne im Wohnzimmer