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Zwischen den Dörfern


Stadtteil: Pankow
Bereich: Blankenburg
Stadtplanaufruf: Berlin, Blankenburger Pflasterweg
Datum: 28. Mai 2018
Bericht Nr.: 621

Von Dorf zu Dorf - von Französisch Buchholz über Blankenburg bis Malchow - führt der heutige Weg, wobei weniger das Dörfliche den Blick lenkt, als vielmehr die städtische Überformung.

Wir beginnen in Französisch Buchholz am südlichen Zipfel seiner Durchgangsstraße (Pasewalker/Berliner Straße). Hier ist Buchholz längst aus seiner dörflichen Vergangenheit herausgewachsen, eingeschossige Wohnbauten wie die Bauernhäuser wurden schon um 1900 von mehrgeschossigen Mietwohnhäusern abgelöst. Der suburbane Charakter der Hauptstraßen endet in den Seitenstraßen, die mit einfachen Ein- und Mehrfamilienhäusern bebaut sind.

Buchholz-Ost
Abrisse und Neubauten künden davon, dass die eng bebaute Hauptstadt hier nach Bauflächen greift. Dazu gehören erstaunlicherweise auch Zeugnisse einer längst überwunden geglaubten Einfamilienhaus-Idylle mit weitläufigen Grünflächen. Am Pankegraben wurde das Gelände einer ehemaligen Gärtnerei mit Einfamilienhäusern bebaut. "Buchholz-Ost" diene der "Eigentumsbildung weiter Kreise der Bevölkerung", behauptet der Bebauungsplan, aber das ist ein bewusster Bluff. Tatsächlich wird man eine breite soziale Streuung angesichts der Baupreise nicht erwarten können. Von den angrenzenden Altgrundstücken ist die sonst offene Siedlung mit Zäunen getrennt. Das wirkt wie Ausgrenzung, ein merkwürdiger Ort.

Alte Lederfabrik
Obwohl Blankenburg über einen eigenen Bahnanschluss verfügt, hat sich hier kaum Industrie angesiedelt. Eine Ausnahme ist in der Pankstraße die "Alte Lederfabrik", die wohl wegen der Nähe zum Bahnhof Blankenburg gedanklich immer dem Nachbarbezirk zugerechnet wurde. Die in den 1850er Jahren gegründete Fabrik verfügt über eine lange Historie bis zum Jahr 1992. An ihr kann man exemplarisch die Industriegeschichte eines im späteren Osten angesiedelten Betriebes ablesen.

Weil der Wind - der die industriellen Ausdünstungen vor sich her trieb - von Westen weht, entstanden tendenziell die guten Wohnviertel im Westen und die Industriebezirke im Osten der Stadt. Für eine Lederfabrik mit eigener Gerberei war der Standort im (Nord-)Osten daher zwingend. Ein weiterer Standortfaktor war die damals noch mächtige Panke, die für die Gerberei unentbehrlich war. Mit der Ausweitung der Produktion wechselten mehrfach die Eigentümer. Um den Kapitalbedarf zu decken, wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt: Lederfabrik Blankenburg Mark AG.

Während des Zweiten Weltkriegs war die Lederfabrik einer der wenigen Betriebe, die
Altschuhwerk zu Wertstoffen recycelte, auch wenn die Trennung des Leders von Schürsenkeln und Metall technische Schwierigkeiten bereitete.

Nach Kriegsende wurde die Fabrik zunächst von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Nach Treuhandverwaltung und Enteignung durch die DDR wurde sie als Volkseigener Betrieb "VEB Lederfabrik Blankenburg Mark" weitergeführt und später in "VEB Lederfabrik Solidarität" umbenannt. In dieser Zeit wehte ein Wappen aus Leder am Gebäude, ein "Lederlappen", wie man als Berliner sagen könnte. Die Wende überstand die Fabrik nur drei Jahre. Die aus der Treuhand herausverkaufte "berlinleder GmbH" ging wie viele Nachfolgefirmen kaputt, aus welchen Gründen auch immer.

Der Backsteinbau hat zur Straßenseite eine vertikal gegliederter Fassade mit Schmuckbändern, Ausfachungen und Segmentbogenfenstern. Die Anker, die die Wände zusammen halten, sind dekorativ als Blumen gestaltet. Heute sind in den Mauern der "Alten Lederfabrik" unter anderem 24 Ateliers tätig, die vom Berufsverband Bildende Künstler gefördert werden. Es erfreut, dass der Verfall dieses Industriedenkmals in einer stillen Ecke des Ortsteils mit der Nachnutzung verhindert werden konnte.


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Der große Stau
Die Nord-Süd-Verbindung von Heinersdorf nach Buch - an der Französisch Buchholz liegt - ist laut Aussage eines Verkehrspolitikers "defizitär". Ein ungewöhnlicher Ausdruck für die Tatsache, dass die Autos in der Rushhour ständig Stoßstange an Stoßstange im Stau stehen. Auch die S-Bahn ist keine Lösung. Die Wagen sind im Berufsverkehr so voll, dass selbst Stehplätze rar sind. Wagen anhängen geht nicht - die Bahnsteige sind zu kurz.

Auch der Ost-West-Verkehr durch Blankenburg steht vor dem Kollaps. Fußgänger kommen schneller voran als Autos, Lieferfahrzeuge und Busse. Dabei finden Bauarbeiten der Wasserbetriebe hier unterirdisch statt. Sie sind seit 2009 dabei, mehrere tausend Haushalte in Blankenburg an die Kanalisation anzuschließen, damit im 21. Jahrhundert die Abwässer eines ganzen Ortsteils nicht länger in privaten Sammelgruben landen, die regelmäßig abgepumpt werden müssen.

Wie beim U-Bahnbau wird die Bahnhofstraße im Rohrvortrieb unterquert. Und wie sollte es anders sein, auch hier bremsen große Findlinge und Schichtenwasser die Bauarbeiten aus. Taucher wurden eingesetzt und größere Bohrköpfe angeschafft. Eine Etage darüber fließt - nein steht - der Verkehr.


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Der große Bau
Eines der größten Berliner Neubauvorhaben soll südlich des Blankenburger Pflasterwegs entstehen, "Blankenburg Süd". Der Unmut der Anwohner ist groß, doch ist derzeit nichts zu befürchten, weil unsere Bausenatorin Neubauvorhaben sowieso nicht auf die Reihe bekommt und die Senatsbaudirektorin gerade drei Monate unbezahlten Urlaub genommen hat. Gebraucht wird sie wohl nicht, denn die Bausenatorin ließ sie ziehen. Nach dieser fast ganz ernst gemeinten Anmerkung nun zu den ehemaligen Rieselfeldern, die jetzt oder irgendwann bebaut werden sollen. Es handelt sich um Felder, die der Stadt Berlin gehören, zum Teil ist es Auenlandschaft.

Als Linken-Politikerin hat sich die Senatorin der Bürgerbeteiligung verschrieben, sagt sie. Doch die Bürger sind aufgebracht, statt der zunächst genannten 3.500 Neubauwohnungen sollen plötzlich 10.000 entstehen, das wird dann auf 5.000 zurückgenommen. Dabei haben die Planer an verschieden große Bauflächen gedacht, dies aber nicht kommuniziert. Die Bauverwaltung übt halt noch Bürgerbeteiligung. Die Anwohner sind "nur" mittelbar betroffen, der Charakter der Gegend wird sich ändern, die Verkehrssituation vielleicht nicht besser werden.

Die Busverbindungen im Gebiet sind ohnehin schon überlastet. Doch plötzlich geht es auch den Kleingärten an der Bahnhofstraße an den Kragen, eine Straßenbahn zum Neubaugebiet soll durch ihre Parzellen führen. "Bin ich hier weg, seid ihr auch weg", droht ein Kleingärtner auf seinem Plakat. Sollte damit der "Mörderberg" auf dem Baugelände eine neue Bedeutung bekommen? Dazu weiter unten mehr.


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Blankenburger Pflasterweg
Der Blankenburger Pflasterweg wird im Norden von einem Golf-Resort flankiert, das sich eineinhalb Kilometer lang ausdehnt und sich mit einem Zaun und hohen Büschen von der Straße fern hält. Richtung Heinersdorfer Straße schließt sich die ehemalige Ingenieurschule für Landtechnik an, auch "Bauernuniversität" genannt. Sie wurde hier nach der Wende für kurze Zeit als Teil der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft weitergeführt und dann auf einen anderen Campus verlegt.

Gegenüber kündigte ein vor kurzem abgerissener Bau von finsteren Zeiten. Die Volkspolizei hatte hier eine Kaserne, die nur sporadisch von ihr genutzt wurde. Das Haus war als Internierungslager für "verdächtige Subjekte" im Hoheitsbereich der DDR vorgesehen. Tatsächlich wurde es 1989 zum "Zuführungspunkt“ für Demonstranten, die die Jubelfeier am 40. Jahrestag der DDR störten. Sie sind angeblich beim Transport mit Sprüchen schockiert worden wie "Jetzt fahrn wir euch auf die Müllkippe!“. Tatsächlich ist inzwischen das Gebäude auf der Müllkippe gelandet. Eine bezirkliche Wohnungsbaugesellschaft als neuer Eigentümer hat die Kasernenbauten niedergelegt.

Mörderberg
Südlich des Blankenburger Pflasterwegs liegt als leichte Erhebung ohne markierten Gipfel der Mörderberg. Ein Fußweg führt von der Bushaltestelle nach oben. Die bezirkliche FDP sorgt sich um das Wohl der Kinder, die diese Haltestelle benutzen, und hat die Umbenennung beantragt, trägt die Haltestelle doch tatsächlich den verruchten Namen des Berges. Wenn der Wolf die Großmutter frisst, ist das grausam. Sollte man den Kindern nicht auch das Märchen von Hänsel und Gretel verbieten? Kinder lernen, mit unserer Welt umzugehen. Beim Mörderberg müssten sie sich ihre eigenen Geschichten ausdenken, denn der Name geht auf "Modder", sumpfiges Gelände zurück, hier wurde niemand umgebracht.

Der Weg vom Mörderberg zum Dorf Malchow hinunter ist mit einer Schotterdecke für Autos versehen, die dem Fußgänger keine Freude bereitet, denn der Weg wirkt endlos und ermüdent. Wenn man eine Königstochter versprochen bekommen hätte dafür, dass man schneller als sie läuft (Brüder Grimm: "Sechse kommen durch die ganze Welt"), wäre der Abstieg wohl fröhlicher gewesen. Die Einheimischen haben es gewusst: Dieser Weg, der ironischerweise "Märchenweg" heißt, wird vom Volksmund auf dem letzten Stück "Schweineweg" genannt.

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Unsere Route:
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Ein Strommast auf dem Schulhof