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Stadtbezirk: Tiergarten Bereich: Hansaviertel Stadtplanaufruf: Berlin, Hansaplatz Datum: 22. Mai 2007
1957 bin ich zum ersten Mal mit einem Sessellift gefahren - nicht im Skiurlaub, sondern bei der Internationalen Bauausstellung in Berlin. Über der Straße des 17.Juni schwebte man in das Hansaviertel ein, das von internationalen Architekten realisiert wurde. Der 17.Juni 1953 lag erst vier Jahre zurück, und die inhaltliche Konfrontation mit dem Baugeschehen in Ostberlin (Stalinallee), das diesen Volksaufstand ausgelöst hatte, war beabsichtigt. Hier sollte ein Schaufenster des freien Westens entstehen, demokratisches Bauen und Wohnen exemplarisch vorgezeigt werden. Dafür räumte man im kriegzerstörten Hansaviertel wiederaufbaufähige Gebäude ab, beseitigte Kellerfundamente und Versorgungsleitungen, legte Straßen auf dem Reißbrett an ("gegliederte und aufgelockerte Stadtlandschaft"). Da erstaunt es nicht, dass der "Brasilia"-Architekt Oscar Niemeyer mit dabei war. Aber auch Walter Gropius, Le Corbusier, Egon Eiermann schufen hier Hochhäuser und Max Taut entwarf Mehrfamilienhäuser (um nur einige Architekten zu nennen).
Das Hansaviertel war nicht nur eine Reaktion auf den kommunistischen Prunk der Stalinallee ("Machtarchitektur"), sondern auch ein Gegenentwurf zur früheren Mietskasernenstadt und ein programmatischer Aufbruch in der Nach-Nazi-Zeit. Kleinteiliger Grundbesitz wurde abgeschafft, historische Spuren wurden beseitigt. Der Verlust des alten bürgerlichen Hansaviertels und die Schaffung von neuer Architektur für eine neue Gesellschaft wurde aber schon bald mit dem Prädikat versehen "Die gemordete Stadt" (Streitschrift von Siedler und Niggemeyer).
Wie wirkte das Hansaviertel damals auf die Menschen ? Fast eine Million Besucher hatte die Interbau 1957. Man sah die Bauplätze und Häuser nicht nur von außen an, sondern besichtigte eingerichtete Musterwohnungen, die einen ganz anderen Zuschnitt als die eigene Wohnung hatten. Der offene Grundriss ("Wohnbäder und Schlafküchen", wie die "Welt" am 3.3.2007 ironisch titelt), in denen fast alle Räume ineinander übergehen, schafft ungewohnte Nähe und fordert die Bewohner zu neuem Sozialverhalten heraus (man denke nur an musiksüchtige Teenager und ruhebedürftige Eltern). In den Musterwohnungen konnte man moderne Hausgeräte bestaunen und sich in ein anderes Lebensgefühl hineinträumen.
Die U-Bahn vom Zoo zum Hansaplatz war gerade gebaut, aber noch nicht im Betrieb. Im Tunnel fuhren umgebaute offenen Volkswagen mit mehreren Aussichtsplattform-Anhängern auf Holzbohlen zwischen den Bahnhöfen. Von den Häusern war erst ein Teil fertiggestellt. Insgesamt entstanden 1.300 Wohnungen. In den Hochhäusern mit bis zu 17 Geschossen entstanden staatlich subventionierte Wohnungen im Rahmen des "Sozialen Wohnungsbaus".
Wie wirkt dieses Viertel am Rande des Tiergartens nach 50 Jahren ? "Das Experiment ist gelungen, auch heute noch ist das Hansaviertel ein beliebter Wohnort", sagt der Berliner Mieterverein. Nach und nach werden die Häuser in Eigentumswohnungen aufgeteilt. Die Parkbänke, die seinerzeit entfernt wurde, weil Obdachlose dort lagerten (eine Bürgerinitiative hatte das durchgesetzt), sind nicht wieder aufgebaut worden. Die Hochhäuser können mich nicht in eine solche Begeisterung versetzen. Auch wenn das Tiergarten-Grün ein freundliches Umfeld erzeugt, bleiben die Häuser trotz ihrer Unterschiedlichkeit anonym, Straße und Hof sind nicht Teil des Wohnens, sondern liegen weit außerhalb. Die Gestaltung der Außenfronten ist unterschiedlich gelungen. Zu dem Gropius-Bau mit paarweise versetzten Balkonen und viel Glas stehen gleichmäßig gerasterte Türme wie von Niemeyer oder Eiermann in Kontrast. Machen Sie sich selbst ein Bild und schauen Sie in meine Bildergalerie. Zum Abschluss des Rundgangs hätten wir in die "Giraffe" gehen können, entschieden uns aber für ein Souterrain-Vorgarten-Restaurant in der Flensburger Straße. Die Qualität ging über das Biertische und -bänke-Ambiente des Vorgartens weit hinaus.
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