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Geschichte der Berliner Eisen- und Kunstgießereien


Datum: 26. Oktober 2026
Bericht Nr.:887

Unbeeindruckt von der Kunst im Stadtraum eilen manche Menschen durch die Stadt. In unserem Forum sind Stimmen von Leser/innen zu finden, die das bestätigen, wie z.B.: "Über viele Jahre hinweg haben Sie mir gezeigt, wie viel es in Berlin zu entdecken gibt – wenn man nur genau hinsieht" oder "Sie haben mich oft animiert die beschriebene Gegend noch mal genauer anzuschauen". Unser Thema ist heute der Einfluss von Werken der (Bild-)Gießereien auf das Stadtbild. Wir haben selbst einige Beispiele vor Augen, aber was sich dann bei der Recherche an Vielfalt herausstellt, hat uns doch verblüfft.

Vorweg: Unsere Erhebungen über die Berliner Gießereien haben gezeigt, wie sich das Gießereiwesen durch immer wieder neue "Verwandtschaftsbeziehungen" entwickelt hat; einer hat vom anderen gelernt. Am Ende dieses Berichts haben ich in einem "Stammbaum" resümiert, welche Persönlichkeiten diese Entwicklung vollzogen haben.

Es begann mit Eisengießereien
Die Berliner Gießereigeschichte begann 1645 mit dem Gießhaus an der Münzstraße, das einen Großteil der in der preußischen Armee verwendeten Geschütze herstellte. Später wurde diese Königliche Eisengießerei in die Nähe der Straße "Hinter dem Gießhaus" verlegt. Dort hatte man kurze Wege zum Zeughaus, um Kanonen, Haubitzen und Mörser auszuliefern. Der letzte Standort lag an der Invalidenstraße, dort wurden dann auch kunsthandwerkliche Artikel und Architekturkomponenten hergestellt. In privater Regie siedelten sich ab 1826 vor dem Oranienburger Tor im "Feuerland" Eisengießereien wie Borsig und Egells an, deren Produktionsschwerpunkt bei Lokomotiven und Dampfmaschinen lag.

Bronzegießereien
Für den Guss von Statuen und anderen Kunstwerken wurden - beginnend knapp 30 Jahre später - Bronze und andere Metalle verwendet. Bildgießereien (Kunstgießereien, insbesondere Bronzegießereien und andere Metallgießereien) übernahmen diese Aufgabe. Die "beiden Hermanns", Hermann Gladenbeck (gegründet 1851) und Hermann Noack (gegründet 1897) waren die Gründer der führenden Bronzegießereien, die Bildgießerei Noack ist es heute noch. In diesem Gewerk hat einer vom anderen gelernt und dabei die Fertigkeiten weiterentwickelt. Das ist ein typischer Zyklus in der Wirtschaft: Wenn ein Produkt am Markt eingeführt ist und die größten Barrieren abgebaut sind, dann ist es leichter, ebenfalls den Einstieg zu wagen.

Erstaunliche Zahl von Gießereien
Rechnet man die Gießereien mit, die heute nicht mehr existieren, dann haben wir nahezu zwanzig einschlägige Betriebe gefunden, die in Berlin ansässig waren bzw. sind und deren Werke uns im Stadtbild begegnen oder begegnen konnten. Es würde diesen Bericht sprengen, hier auf alle Gießereien einzugehen, deshalb haben wir uns entschlossen, über die Eisengießereien in einem gesonderten Beitrag zu berichten.

Gießereiobjekte im Berliner Stadtbild
Wenn wir uns jetzt mit den einzelnen Bildgießereien beschäftigen, wollen wir uns auch Beispiele ihrer Tätigkeit aus dem Stadtbild ansehen. Auf einem Relief am Haus des Ingenieursvereins Charlottenstraße 43 wird die Bildgießerei als Ingenieurleistung gezeigt. Tatsächlich gehört zum Gießereivorgang aber neben dem Wissen eines Ingenieurs auch einiges handwerkliche Geschick und künstlerisches Verständnis. In Bronze gegossene Kunstwerke vollenden das Werk eines Künstlers, wobei der Bronzeguss selbst Produkt eines künstlerischen Prozesses ist.


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Wo kann man die Gießereiprofession heute - außerhalb der Fachbetriebe - lernen? An der Kunsthochschule Weißensee bieten im Fach Bronzeguss ein Lehrbeauftragter und ein Hochschullehrer Lehrveranstaltungen an. Wegen eines "qualifizierten Umbaus" der Werkstatt derzeit aber ohne praktische Übungen (sollten Umbaumaßnahmen nicht immer "qualifiziert" sein?).

Bronzegießerei Gladenbeck
Die 1851 gegründete Bildgießerei Gladenbeck ist wahrscheinlich die älteste Berliner Gießerei dieses Typs, auf jeden Fall war sie die bedeutendste zu ihrer Zeit. Hermann Gladenbeck hatte in der Eisengießerei Egells im "Feuerland" das Handwerk gelernt. Sein Name steht für den Weg von der Eisengießerei zur Bronzegießerei. Gladenbeck konnte bereits sechs Jahre nach dem Start die verwaiste Königliche Eisengießerei in der Münzstraße für einen Großauftrag übernehmen. Weitere 30 Jahre später errichtete er einen eigenen Industriekomplex in Friedrichshagen.


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Die Gladenbecks waren eine Dynastie, Sein Sohn Oskar baute am Müggelseedamm eine eigene Gießerei auf, Sohn Alfred leitete das Gladenbeck-Institut für Denkmalpflege, Söhne Walter und Paul gründeten gemeinsam eine weitere Bronzegießerei. 1931 gab die letzte Gladenbeck-Gießerei auf, die Familie war zerstritten.

Gladenbecks Wirkung auf das Stadtbild mit seinen bedeutenden Werken kann hier nur beispielhaft genannt werden. In seiner Gießerei entstanden die Viktoria auf der Siegessäule, der Neptunbrunnen, der Löwenkämpfer vor dem Alten Museum, das Denkmal für den Turnvater Jahn in der Hasenheide, die Bogenspannerin vor dem Rathaus Nikolassee (und auf der Museumsinsel), der "seltene Fang" am Viktoriapark, Statue Freiherr vom und zum Stein vor dem Abgeordnetenhaus, Denkmal Augenarztes Albrecht von Graefe vor der Charité.


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Gladenbeck-Nachfolger
Hermann Noack hatte bei Gladenbeck gelernt, der Noack-Stern leuchtet jetzt in vierter Generation am Gießerei-Himmel. - Willi Seiler ging bei Gladenbeck als Kunstformer Lehre, 1922 eröffnete er die Kunstgießerei Seiler & Siebert, später als Bildgießerei Seiler weitergeführt. - Gladenbeck hat nicht nur Großplastiken hergestellt. Kleinplastiken als Reduktionen von Bildhauervorlagen waren im 19. Jahrhundert Mode in den bürgerlichen Salons. Von den ungefähr 5.000 Formmodellen hat die Bronzegießerei Herweg 380 für Nachgüsse im Bestand.

Kunstgießerei Seiler & Siebert
Von der Kunstgießerei Seiler & Siebert ist in der Stadt prominent aufgestellt das Denkmal für die Bildhauerin Käthe Kollwitz im Prenzlauer Berg am Kollwitzplatz. Und das Denkmal für die Interbrigadisten am Friedrichshain, entworfen von Fritz Cremer, das uns beim Flanieren zu dem Kommentar veranlasste: "Mit der Faust vor dem Auge und dem Schwert über dem Rücken ist wohl schlecht kämpfen".


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Bildgießerei Noack
Hermann Noack als ehemaligen Mitarbeiter von Gladenbeck hatte ich bereits vorgestellt. Die Noacks sind eine Unternehmerdynastie, wie man sie sonst nur aus Amerika kennt, wo der Sohn denselben Vornamen trägt wie der Vater und sie deshalb durchgezählt werden: Der heutige Firmeninhaber ist Hermann Noack IV. Die männliche Reihe ist jetzt unterbrochen, vielleicht tritt eine der Töchter als fünfte Noack in den Betrieb ein.

Wir konnten die Gießerei an der Spree vor zwei Jahren besichtigen und die einzelnen Arbeitsschritte verfolgen, die Produktionsräume sind in dieser Folge angeordnet. Für weitere Informationen und Abbildungen verweise ich auf meinen Bericht. Noack ist bis heute als renommierte weltweit tätige Kunstgießerei tätig. Namhaften Künstler wie Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Joseph Beuys, Wilhelm Lehmbruck, Rainer Fetting, Georg Baselitz, ließen und lassen ihre Werke bei Noack fertigen, die Verbindung zum internationalen Kunstmarkt ist eng.

Im Berliner Stadtraum sind folgende Werke als Originale oder Nachgüsse aus der Bildgießerei Noack zu finden (nur eine kleine Auswahl): Die Quadriga (Brandenburger Tor), "Liegende" von Henry Moore vor der Nationalgalerie, die Bären von Rene Sintenis (auch als goldene und silberne Berlinale-Bären), "Der Herabschreitende" von Georg Kolbe, Hannah-Höch-Denkmal (Erzengel), auch die Russischen Ehrenmale an der Str. des 17. Juni und in Schönholz.


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Nachgüsse und Restaurierungen
Es gibt mehrere Restauratoren, die in der Jetztzeit Bildwerke aus früheren Epochen wiederherstellen. Meist sind das denkmalgeschützte Objekte. Beispielsweise in der Metallrestaurierung Hellmich aus Adlershof, die den Drachentöter Georg - eine Bronzeplastik aus dem Nikolaiviertel - in seiner Werkstatt in Adlershof restauriert hat. Schon der Transport des fünf Meter hohen und achteinhalb Tonnen schweren Monuments war eine gewaltige Aufgabe. Der Heilige Georg war ein Märtyrer, dem im Mittelalter (13. Jh.) die Drachenlegende zugeschrieben wurde. Dadurch wurde er zum Idealbild des christlichen Ritters.


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Bildgießerei Kraas
Die 1883 gegründete Bildgießerei Kraas ist eine der ältesten ihres Fachs, wird aber kaum in einschlägigen Quellen erwähnt. Im Stadtbild ist sie in der Nachwendezeit vor allem mit Nachgüssen verloren gegangener oder beschädigter Bronzen im ehemaligen Ostberlin vertreten. Auf dem Zietenplatz in Mitte wurden in den 1780er Jahren sechs Generalsdenkmäler aufgestellt. Die DDR hatte den Platz "eingezogen". 2008 wurde er wieder eingerichtet. So konnten nach Restaurierung bzw. Nachguss sind die Generäle an ihren alten Platz zurückkehren, so wie beispielsweise General von Keith (siehe Bildergalerie). - Der in Rudimenten erhaltene Anhalter Bahnhof erhielt als Bekrönung der Portalseite neue Abgüsse der Plastiken "Tag" und "Nacht"


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Kunstgießerei Flierl
Die 1992 gegründete Kunstgießerei Flierl hatte in Weißensee die freigewordenen Räume einer Eisengießerei bezogen, zu deren Produktionsbereich Stadtmöbel, Laternenmaste und ähnliche gusseiserne Objekte gehören. Nach 25 Jahren hat Flierl seine eigene Gießerei an die Mitarbeiterin Schirlitz weitergegeben und eine neue Bildhauerwerkstatt und Gießerei gegründet ("Panther ART Foundry"). Als bekanntes Denkmalobjekt realisierte diese Foundry eine Litfaßsäule aus Bronze in der Münzstraße. Das Denkmalobjekt zeigt eine Würdigung des "König der Reklame".



Kunstgießerei Altglienicke
Bei Flierl hatte die Kunsthistorikerin Schirlitz die Bildgießerei als ihre Bestimmung entdeckt, seine Gießerei übernommen und als Kunstgießerei Altglienicke fortgesetzt. In ihrer Gießerei wurde eine Replik für das Humboldt-Forum gegossen: Die Kuppelbekrönung, die das historische Aussehen des Stadtschlosses auf dem Humboldt-Forum wieder aufleben lässt, so wie es vor Kriegsbeschädigung und Abriss durch die DDR ausgesehen hat. Es gab einen regelrechten Kulturkampf um die Kuppelbekrönung. Sie ist ein Symbole der preußischen Monarchie auf einem Kulturgebäude der Jetztzeit.


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Skulpturengießerei Knaack
Torsten Knaak war fast 30 Jahre lang als Ziseleur und Werkstattleiter in der Bildgießerei Noack tätig, bevor er sich mit der Skulpturengießerei Knaack selbstständig machte. Für den Floraplatz schuf er 2020 als Nachgüsse zwei Tierfiguren. Entworfen wurden die Figuren 1900 für das Washington-Denkmal in Philadelphia (USA). Die ursprünglichen Nachgüsse am Floraplatz hatte die Gießerei Lauchhammer 1900 realisiert.

Kunstgießerei Lauchhammer
Eine Gießerei, die wesentlichen Einfluss auf Berliner Bildwerke genommen hat, obwohl sie in der Brandenburgischen Niederlausitz arbeitete, war die Eisengießerei Lauchhammer, aus der später um 1830 auch eine Kunstgießerei wurde. 1784 hatte man den erste figürliche Hohlguss realisiert. Eine materialsparende Variante, die weiterhin in allen Gießereien das Herstellungsverfahren prägte. Obwohl in Lauchhammer auch das Thälmann-Denkmal für Berlin als hohler Bronzeguss hergestellt wurde, hat es als Kolossalplastik die gesamte Jahresproduktion der DDR an Bronze verbraucht. Und die DDR hat gern in Lauchhammer bestellt.


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Vor dem Kunstgussmuseum in Lauchhammer wird stolz die Figur eines Gießers gezeigt, natürlich selbst ein Bronzeguss. Im Museum findet man Ofenplatten, kunstgewerbliche Objekte, Bau- und Grabmalplastik, Porträtbüsten, Statuetten und Statuen, Denkmäler, Medaillen und Plaketten - vieles, das später auch die Königliche Eisengießerei in Berlin hergestellt hat.


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Zinkgießereien
Zum Schluss noch ein Wort zu einem ungewöhnlichen Metall, das zwischen 1830 und 1860 in Gießereien verarbeitet wurde: Zinkguss - nicht nur Zinn, sondern wirklich auch Zink wurde gegossen. Schinkel hatte das propagiert, da „der Zinkguss ungleich wohlfeiler als Sandsteinarbeit und Eisenguss [ausfällt] und zugleich recht dauerhaft ist“. Mit Zink konnten vollplastische Figurenerzeugt werden, schneller und kostengünstiger als mit Bronzeguss. Die Oberflächen konnten vergoldet oder gefärbt werden, Ornamente und Holzschnitzereien wurden aus Zinkguss hergestellt , selbst Natursteinanmutung war damit zu erzeugen.

Ein Beispiel ist das Grabmal von für Ernst Ludwig von Tippelskirch auf dem Garnisonfriedhof aus Zink in Steinoptik, hergestellt von dem Begründer der Zinkgussindustrie Moritz Geiß. Weitere führende Zinkgießer waren Christian Ludwig Lippoldt und der Hugenotte Siméon Pierre Devaranne. Als man begann, Zink als minderwertigen Werkstoff zu betrachten, endete die Ära des Zinkgusses. Soweit er in Berliner Häusern noch erkennbar war, rückten ihm in der direkten Nachkriegszeit Buntmetalldiebe ihm an den wertvollen Werkstoff.


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Kann man die Gießerei heute noch - außerhalb der Fachbetriebe - lernen? An der Kunsthochschule Weißensee bieten im Fach Bronzeguss ein Lehrbeauftragter und ein Hochschullehrer Lehrveranstaltungen an. Wegen eines "qualifizierten Umbaus" der Werkstatt derzeit aber ohne praktische Übungen (sollten Umbaumaßnahmen nicht immer "qualifiziert" sein?).

"Stammbaum" der Berliner Gießereien
Hier der angekündigte "Stammbaum" der Berliner Gießereien, wie sich das Gießereiwesen durch immer wieder neue Persönlichkeiten entwickelt hat. Es begann mit militärischen Vorhaben: Geschützgießerei Spandau, Gießhaus, Königliche Eisengießerei. Letzte schickte ihren Mitarbeiter Egells zur Werkspionage nach England. Mit diesen Kenntnissen eröffnete Egells eine Eisengießerei in Berlin, bei der Borsig lernte und den Lokomotivbau auf Spitzenniveau entwickelte. Auch Gladenbeck lernte bei Egells und vollzog den Übergang von der Eisengießerei zur Bildgießerei. Bei ihm lernte Noack das Handwerk und setzte es bei heute in der 4. Generation als eine der weltweit führenden Kunstgießereien fort.
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Über die Eisengießereien folgt ein gesonderter Bericht

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Kunstguß-Beispiele aus dem Stadtbild
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Die Stadt, ein Wunder an Schönheit und Poesie