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Etwas Großes als groß begreifen


Datum: 2. Februar 2026
Bericht Nr.:877

In der Ahnengalerie der Flaneure widmen wir uns heute dem Autor Theodor Fontane, der mit seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" berühmt geworden ist, den Reiseberichten über das Berliner Umland. Einige seiner Spaziergänge gingen durch heutige Berliner Ortsteile, die damals noch nicht zu Berlin gehörten, die erst bei einer der späteren Stadterweiterungen nach Berlin eingemeindet wurden. Zuletzt bei der Gründung Groß-Berlins wurden beispielsweise 1920 die selbstständigen Städte Spandau und Köpenick Teil der Einheitsgemeinde. Für Fontane gehörten diese Orte, die heute die Ost-West-Ausdehnung der Stadt beschreiben, noch zu Brandenburg.

Der Flaneur
Die Idee für die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ brachte Fontane aus dem Vereinigten Königreich mit, wo er im preußischen Auftrag eine Presseagentur leitete. Die Wanderungen beschäftigen ihn seit seiner Rückkehr aus England bis an sein Lebensende. Über seine Wanderungen in Berlin schreibt Fontane ("Meine Reiselust"): "Ich flaniere gern in den Berliner Straßen, meist ohne Ziel und Zweck. Aber zuzeiten erfaßt mich doch auch ein Studienhang und läßt mich nach allem möglichen Alten und Neuen, was über die Stadt hin verstreut liegt, auf Inspektion gehen“.


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Man merkt, er liebt seine Stadt, schon vor Kennedy lobpreist er: "Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner".

Das Flanieren beschreibt später Franz Hessel, den wir als "Vater der Flaneure" verehren, mit ähnlichen Worten: "Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Ich muss eine Art Heimatkunde betreiben, mich um die Vergangenheit und die Zukunft dieser Stadt kümmern".

Beim Durchwandern der Mark Brandenburg hat Fontane "die Heimat reicher gefunden, als er zu hoffen gewagt hatte". Zum Wandern gehört für ihn das "Anstaunen, um Großes als groß zu begreifen". Wer in der Mark reisen will, "der muß zunächst Liebe zu 'Land und Leuten' mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß den guten Willen haben, das Gute zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen". Er beschäftigte mit der Geschichte der Orte, mit den Bauten, mit den Gutshäusern und Schlössen. Es ging vielfach um Adlige, der kleine Mann kam in seinen Erzählungen kaum vor.

Theodor Fontane
Fontane war kein Berliner, sondern ein "Zugereister". Diese Menschen zeichnet oft aus, dass sie über den Berliner Horizont hinausschauen können und frische Ideen einbringen ("Wer aufhört Fehler zu machen, lernt nichts mehr dazu"). So wurde er zu einem der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen Realismus in der Literatur, obwohl er erst im Alter von 58 Jahren anfing, nach Anfängen als Apotheker und nach seiner Karriere als Journalist, Romane und andere Dichtkunst zu verfassen.


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Seine familiären Wurzeln lagen bei den Hugenotten in Berlin (französischer Familienname Fontaine, eingedeutscht Fontane). Geboren in Neuruppin, wurde er mit 13 Jahren zur Ausbildung als Apotheker nach Berlin geschickt. Und blieb der Stadt treu, obwohl er -zig Mal umgezogen ist. Als einzige Wohnstätte blieb die im Bethanien-Krankenhaus erhalten, wo er die Apotheke leitete. In Berlin konzentrierten sich die Umzüge auf zwei "Ziehtage" - 1. April und 1.Oktober - weil üblicherweise Mietverträge halbjährlich abgeschlossen wurden. Das Ergebnis der vielen Umzüge wird durch das geflügelte Wort "Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt" beschrieben: Nach drei Umzügen ist vom ursprünglichen Besitz oft kaum noch etwas übrig, da vieles kaputtgeht, verloren geht oder entsorgt werden muss.

Fontane-Apotheke
Die Fontane-Apotheke im ehemaligen Krankenhaus Bethanien ist heute ein Denkmalort. Für Filmaufnahmen wurde sie mit zusätzlichem Material ergänzt, das zwar historisch ist, aber von anderen Orten stammt. Er arbeitete dort auch im Revolutionsjahr 1848, Fontane ließ sich hinreißen, am Barrikadenkampf teilzunehmen, was er später als "Kinderei" bedauerte. ("Heldentum ist eine wundervolle Sache, so ziemlich das Schönste was es gibt, aber es muß echt sein"). Seine Stellung im Krankenhaus wurde dadurch nicht gefährdet.


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Fontane-Orte in Berlin
In Berlin kann man an Theodor Fontane nicht vorbeigehen. Mehr als lebensgroß begegnet er uns als Standbild - auf einem Sockel stehend - am Rande des Großen Tiergartens. Als Wanderer dargestellt mit Hut, meist mit Spazierstock, wenn der nicht gerade wieder entwendet wurde, hält er betrachtend inne. Ja, so hätte er unterwegs gewesen sein können, der Wanderer in Brandenburg. (Siehe Titelbild oben).

Gedenkzeichen
Am Blücherplatz wohnte Fontane ab 1859 drei Jahre lang. Dort steht seit 2019 ein "Gedenkzeichen" aus vier Straßenschildern an einem Mast, die leicht versetzt in ähnliche Richtungen zeigen. Sein Name verläuft diagonal über drei der Schilder, wahrscheinlich um klar zu machen, dass nicht wieder irgendein Spaßvogel den Richtungsanzeiger verdreht hat. Kein überzeugendes Werk, da fehlte wohl die zündende Idee, der künstlerische Impetus hatte Pause.


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Französischer Friedhof
Sein Grab auf dem Französischen Friedhof in der Liesenstraße ist nur eine Erinnerungsstätte, die Ruhestätte wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der außerhalb der Umrandung vor das Grab gelegte Backstein als Zeichen des Ehrengrabs verstört etwas. Mit Fontanes Grab verbindet sich ein Teil der deutsch-französischen Geschichte. Fontane war hugenottischer Herkunft und hatte seine Tätigkeit als Berichterstatter im deutsch-französischen Krieg fast mit dem Leben bezahlen müssen.


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Brunnen
Ein Fontane-Brunnen in Friedrichsfelde hat keinen direkten Bezug zu dem Dichter und Schriftsteller. Märkische Motive, typische Landschafts- und dörfliche Situationen ranken sich rundherum. Die Südseite des Bronzereliefs zeigt eine Mahnung Fontanes: „ERST DIE FREMDE LEHRT UNS WAS WIR AN DER HEIMAT BESITZEN“.

Fontane-Haus
Das Fontane-Haus im Märkischen Viertel will mit der Namensgebung einen Bezug zur den märkischen Wanderungen Fontanes herstellen, man brauchte wohl einfach einen Namen für den Bau mit Kultur- und Begegnungszentrum mit Bibliothek. Auch der monumentale Bronzebrunnen mit Wasserfall ("Urstoffe der Natur: Fels und Wasser, Wachstum und Zerfall“) lässt die Chance aus, sich auf den Namensgeber zu beziehen.

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Die Berliner Wanderungen
Im heutigen Berliner Stadtgebiet war Fontane u.a. in Spandau, Köpenick, Tegel, Buch, am Müggelsee unterwegs. Hier folgt ein kleiner Streifzug - der nur fragmentarisch sein kann - durch seine Berichte.

Schildhorn
In Spandau kommt er nach Schildhorn, das seinen Namen herleitet aus der Sage über die Flucht des Slawenfürsten Jaczo von Köpenick vor Albrecht dem Bären. 1157 war er zu Pferde bis nach Gatow gekommen, wo er an der Havel in eine scheinbar ausweglose Situation geriet. Sein heidnischer Gott überhörte seine Hilferufe, erst als er den christlichen Gott anrief, wurde er gerettet und kam zum gegenüberliegenden Ufer. Dort hängte sein Schild und Horn an einen Baum, woraufhin dieser Ort Schildhorn geheißen wird.

Fontane ist von dem dort errichteten Denkmal entsetzt, das auf Kosten des guten Geschmacks gehe:
"Man hat den Stamm einer alten knorrigen Eiche in Sandstein nachgebildet und dadurch eine ohnehin schwerverständliche Figur geschaffen; der inmitten des Stammes aufgehängte Schild aber, der wie eine Scheibe an einem Pfosten klebt, schafft, aus der Ferne gesehen, vollends eine durchaus unklare und räthselhafte Figur"


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Dabei habe man "in nicht gut zu heißender Weise auf den malerischen Effekt Verzicht geleistet. Es wäre ausreichend gewesen, eine hohe griechischer Säule mit einen Schild aufzurichten und diesen Schild mit einem Kreuz von mäßiger Größe zu krönen."

Oranienburger Vorstadt
Auf dem Weg nach Tegel kommt er durch Vorstädte Richtung Norden: "Tegel liegt anderthalb Meilen nördlich von Berlin. Wer seinen Füßen einigermaßen vertrauen kann, thut gut, die ganze Tour zu Fuß zu machen. Die erste Hälfte des Weges führt durch die volkreichste und vielleicht interessanteste der Berliner Vorstädte, durch die sogenannte Oranienburger Vorstadt, die sich, weite Strecken Landes bedeckend, aus Bahnhöfen und Kasernen, aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt. Diese vier heterogenen Elemente drücken dem ganzen Stadttheil ihren Stempel auf; das Privathaus ist nur insoweit gelitten, als es jenen vier Machthabern dient. Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel".

Berlin-Buch
Im Jahr 2008 haben wir Berlin-Buch besucht. Durch den Bucher Schlosspark fließt die Panke. Es gibt noch alten Baumbestand und den Schlossgraben, auch die barocke Schlosskirche und der Gutshof sind noch vorhanden. Das Schloss und die Orangerie aber wurden zu DDR-Zeiten abgerissen.

Theodor Fontane hat über seine Wanderung in Buch berichtet:
"Zwei Meilen nordöstlich von Berlin liegt das Dorf Buch, reich an jenen stillen, aber anziehenden Landschaftsbildern, wie sie unsere Mark so vielfach bietet, noch reicher aber an historischen Erinnerungen. Einer unserer Lustgarten-Omnibusse führt den Reiselustigen über Pankow und Schönhausen, dessen Villen und Gärten wie im Fluge mitgenommen werden, bis nach Französisch-Buchholtz,von wo aus das Wandern beginnt und die Füße das Beste thun müssen".

"Die Zeit des Sonnenuntergangs und die Dämmerungsviertelstunde, die ihm folgt, ist gewiß die geeignetste, diesen schönen Park zu durchschreiten. Die grauen Schleier des Abends sind es, die ihm kleiden". Nicht Cascaden und Fontainen sind hier zu Haus, sie sind zu laut, zu geräuschvoll; kein Bach rieselt und plätschert hier überSteine hinweg, als liefen spielende Kinder durch den Garten; ein breiter Graben durchschneidet statt seiner die ganze Quere des Parks und dehnt sich aus mit der dunkeln Stille eines Teichs. Alles Bunte fehlt".


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Auf dem Weg Richtung Osten macht der Wanderer in Friedrichsfelde, Rahnsdorf und beim Schloss Köpenick Station.

Friedrichsfelde
Friedrichsfelde war früher ein beschauliches Dorf mit Bauernhöfen, einem Dorfanger und einer Dorfkirche. Heute rollt auf der alten Frankfurter Chaussee, die jetzt eine aufgeweitete Bundestraße ist, der Verkehr Richtung Frankfurt/Oder durch den Ort. Das Schloss des ehemaligen Ritterguts und der Schlosspark sind Teil des von der DDR angelegten Tierparks geworden.


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Das heitere Leben in dem Ort zu seiner Zeit scheint Fontanes Missfallen zu erregen:
"Das Leben in Friedrichsfelde war um diese Zeit das heiterste. Eine ernstere Pflege der Kunst fiel niemandem ein, aber man divertierte [ergötzte] sich so oft und so viel möglich. Es gab Schau- und Schäferspiele teils in geschlossenen Räumen, teils im Freien. Das »Theater im Grünen«, ähnlich dem Rheinsberger, ist noch deutlich zu erkennen, trotzdem das Strauchwerk jener Jahre mittlerweile zu stattlichen Weißbuchen aufgewachsen ist. Das Ganze wieder freigeworden, aus Zwang und Fesseln erlöst".

"Rahnsdorf und Friedrichshagen blicken mit ihren schmucken roten Dächern auf den See hinaus, aber es sind nicht eigentliche Seedörfer; sie liegen am Ufer der Spree, nicht am Ufer der Müggel".

Rahnsdorf
In Rahnsdorf berichtete er über die Sommergäste, zu denen ein hübscher, hoch aufgeschossener Blondkopf gehörte. "Er war ein Wildfang, eitel und übermütig, und über den See schwimmen oder bei heraufziehendem Unwetter einen Kahn nehmen und Wind anrudern, war sein Ferienglück". Bedenken über die Gefahr, in die er sich begab, wurden abgetan mit der Einsicht: "Unser Schicksal findet uns und faßt uns zu bestimmter Zeit und an bestimmter Stelle".

Wenn er in Seenot geraten wäre, hätte er einen "Menschenfischer" gebraucht wie jenen unerschrockenen Fischer, von dem ich 2013 berichtet habe. Bei Unwetter fuhr er hinaus, um nach Notfällen Ausschau zu halten. Mehr als 100 Menschen soll der Rahnsdorfer Fischer Herrmann aus Seenot gerettet haben, bevor er selber ertrank: Er konnte nicht schwimmen.


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Schloss Köpenick
In Schloss Köpenick residierte der letzte Wendenfürst Jaczo, an dessen Bekehrung die Schildhornsage anknüpft (s.o.), Kurfürst Joachim II. nutzte es als Jagdschloss. Fontane schreibt über die "unrechte Frau" (also Konkubine) des Kurfürsten, die auch "die schöne Gießerin" genannt wurde. Und mit der er mehrere Söhne gezeugt hatte, "unrechte Kinder". Er wünschte sich, nach seinem Tod solle sie nicht gekränkt oder verunehrt worden. Statt dessen wurde sie lebenslang in der Spandauer Festung eingesperrt. Als Schlossgespenst ("Die weiße Frau") rächte sie sich, geisterte im Berliner Stadtschloss herum und kündigte Todesfälle in der Herrscherfamilie an.


Zum Abschied
"Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung", fordert Fontane. Schließen wir kurz und knapp mit seiner Erkenntnis: "Leicht zu leben ohne Leichtsinn, heiter zu sein ohne Ausgelassenheit, Mut zu haben ohne Übermut - das ist die Kunst des Lebens".
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Wozu soll das aber gut sein