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Wer sich nähert, den stoßt nicht zurück


Stadtteile: Kreuzberg, Schöneberg, Mitte, Wannsee, Reinickendorf
Stichwort: Kirche, Moschee, Synagoge
Datum: 30. September 2026
Bericht Nr.: 886

Über das Jahr verteilt gibt es Themen- und Aktionstage, soweit die Phantasie reicht, oft mehrere an einem Tag. Tag des Lächelns, Tag des Rechts auf Wissen, Tage des Herbstlaubs, der Waschbären, der Zahnschmerzen, des Stotterns, des Weltpostvereins, der Jogginghose, des Sehens, Tag der Erde, die Liste scheint kein Ende zu haben. Als am 30. September das Thema "Erzengel" in mein Blickfeld kommt, entdecke ich überrascht: Gestern war Michaelistag, der Tag der Erzengel.

Der 29. September - der Tag der Erzengel - ist ein katholischer Gedenktag. Anfangs wurde nur Michael dort gefeiert, später auch Gabriel und Raphael. Sie sind Engel mit besonderem Rang, eben als Erzengel, die in der Bibel namentlich erwähnt werden. Auch namenlose Engel gehören zum "Hofstaat Gottes", sie werden als seine Boten ausgeschickt, um zu strafen oder den Menschen helfend zur Seite stehen.

Und damit ist ein Flanierthema präsent: Engel sind zwar Lichtgestalten ohne Körper, aber Manifestierungen der Erzengel als Skulpturen und Reliefs sind in der Stadt zu finden, gehen wir auf Entdeckungsreise. Obwohl Engel körperlos und unsichtbar sind, werden Rngel oft in menschliche Gestalt gekleidet: Die Erzengel als männliche Wesen mit männlichen Vornamen. Die übrigen Engel haben erst in der Neuzeit weibliche Züge angenommen, um göttliche Schönheit, Sanftmut und Reinheit zu symbolisieren. Das ist bisher noch nicht als Feld für die weibliche Emanzipation entdeckt worden, schließlich können auch Frauen Drachen töten.


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Michaelistag
Der Michaelistag war im Mittelalter ein arbeitsfreier Feiertag. Er wurde dann um 1800 zu einem "halben Feiertag", an dem man vormittags zur Kirche und ins Wirtshaus ging und am Nachmittag wieder zur Arbeit in Hof und Feld. Geehrt wurde an dem Tag der Erzengel Michael, der Adam und Eva mit dem Schwert aus dem Paradies hinauswarf, die "Vertreibung aus dem Paradies" ist ein beliebtes Motiv in Gemälden.


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Michael hat aber auch den Teufel besiegt (mithilfe himmlischer Heerscharen), weshalb er oft als Drachentöter dargestellt wird. Der Erzengel Gabriel ist der Botschafters Gottes, in der Weihnachtsgeschichte verkündet er Maria, dass sie vom Heiligen Geist schwanger werde mit dem göttlichen Jesus. Raphael schließlich ist der "göttliche Heiler", er kuriert körperliche Leiden und seelische Schmerzen. Als Schutzpatron begleitet er Reisende.

Vielleicht ist Raphael als Schutzpatron an unserer Seite, wenn wir in der Stadt auf Entdeckungsreise gehen: Vier Erzengel finden wir als Skulpturen, einen als Relief. Die meisten als Begleiter einer Michaelskirche, zweimal steht Michael ohne religiösen Bezug.

St. Michael am Engelbecken
Die Michaelkirche war die zweite katholische Kirche Berlins. "Sie gilt als eines der bedeutendsten Beispiele Berliner Kirchenbaus in der Nachfolge Schinkels". Auf der Spitze des Südgiebels steht auf einem Podest eine überlebensgroße Statue des geflügelten Erzengels Michael. Der Engel ist im Begriff, dem sich am Boden windenden Drachen seine Lanze in den Rachen zu stoßen.


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Der goldene Erzengel schaut vom Turm seiner Kirche auf die Wasserfläche zu seinen Füßen herunter. Da lag es nahe, die Wasserfläche "Engelbecken" zu nennen. Diese Nähe zur Kirche hatte aber auch ihre Schattenseiten: Als der Stadtgartendirektor Erwin Barth eine Badeanstalt im Engelbecken plante, fühlte sich die Kirche der Sittlichkeit verpflichtet. Weniger bekleidete und fröhlich lärmende Menschen könnten die Gottesdienstbesucher verunsichern, deshalb wurde das Freibad nicht realisiert. Statt dessen wurde das Becken zu einem Schwanenteich mit Grünanlage ausgebaut.

Drachentöter an der Friedrichswerderschen Kirche
An Fassade der Friedrichswerderschen Kirche wird auf einer Bauplastik der Erzengel Michael als Drachentöter dargestellt. Michael steht mit weit ausgebreiteten Flügeln auf einer Halbsäule über dem Portal und richtet seine kreuzförmige Lanze auf den Drachen zu seinen Füßen. Karl Friedrich Schinkel hatte die Kirche erbaut und auch diese Figur entworfen, die ursprünglich aus Terrakotta gebrannt wurde. Später hat man sie in Kupfer getrieben erneuert.


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Vor wenigen Jahren entstanden starke Risse im Mauerwerk der Kirche durch einen sehr nahe errichteten Neubau. Zwischen dem Neubau und der Kirche ist nur eine hohle Gasse geblieben. Auf der anderen Seite der Kirche verläuft die Niederlagstraße. Der Name geht auf das historische Niederlags- oder Stapelrecht zurück, das durchreisende Händler zwang, ihre Waren auszuladen, "niederzulegen", zu "stapeln" und den Einwohnern der Stadt auf dem Markt anzubieten, bevor sie weiterreisen konnten.

Abstrakte Plastik in der Bessemerstraße
Der Erzengel Michael war eine kriegerische Gestalt, die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies und der Kampf gegen den Drachen zeigen seine Persönlichkeit An der Kirche Bessemerstraße ist eine abstrakte Plastik aus gebogenem Draht zu sehen, aus deren harmonischen Rundungen man eine filigrane Figur herauslesen kann. Dem starken Krieger wird das nicht gerecht. Es steht auch in starkem Kontrast zu dem Kirchenbau von 1955 mit dem hohen halboffenen Glockenturm. Die Wandflächen sind aus Trümmerziegeln hergestellt und nicht verputzt.


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Um die Ecke am Alboinplatz wird auf eine heidnische Darstellung verwiesen. Mit starkem Gefälle wird das Parkgrün von dem See "Blanke Helle" in der Mitte angezogen, fast eingesogen. Dort stand einst ein Heiligtum der germanischen Göttin Hel, der Herrscherin der Unterwelt. Der kleine See Helspfuhl - auch Blanke Helle genannt - war der Zugang zu ihrem Reich. Um die Felder des Heiligtums zu pflügen, schickte sie jedes Jahr einen schwarzen Stier auf die Erde. Als der Nachfolger des letzten Priesters, ein christlicher Mönch, die Ernte verkommen ließ und der Hel nicht mehr opferte, kam der Stier ein letztes Mal und verschlang den Mönch. 1934 wurde eine gemauerte Figur des schwarzen Stiers auf dem Platz aufgestellt.

Relief an der Kirchentür in Wannsee
An der Königstraße in Wannsee steht Berlins erster Kirchenbau des Expressionismus. Der Kirchturm in Form einer aufgestellten, flachen Schachtel wird von drei spitzen Türmchen gekrönt. Die katholische Kirche St. Michael ist im Innenraum mit einer Holzplastik des Erzengels Michael ausgestattet. Das Portal wird mit einem großen hölzernen Relief "St. Michael im Kampf mit dem Drachen“ geschmückt. Michael bekämpft dort mit seinem Schwert einen mehrköpfigen Drachen.


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Ausflug nach Babelsberg
Die Stadtgrenze von Berlin haben wir beim Flanieren nur zweimal überschritten, beide Male war es eine Ergänzung zu einem Berliner Thema. Nach Babelsberg haben wir unsere Schritte gelenkt, als wir an der Glienicker Brücke flaniert sind. Im Schlosspark Babelsberg steht ein Michaelsdenkmal ohne religiösen Bezug. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. wollte damit seinen militärischen Sieg über die Revolution von 1848/1849 im Großherzogtum Baden feiern. So wie der Erzengel Michael als Drachentöter den Teufel besiegte, hat er dort über die Revolutionäre triumphiert.

Das himmlische Wesen ist dort gerade im Begriff, den "Lindwurm der Revolution" zu bezwingen. So wird ein religiöses Symbol dazu benutzt, eine königliche "Heldentat" zu feiern. Doch die Mitsprache der Bürger ließ sich auf die Dauer nicht aufhalten, die Monarchie musste langfristig dem Parlamentarismus weichen.

Berlins größter Erzengel
Am Malchsee, einer Ausbuchtung des Tegeler Sees, hat Berlins größer Erzengel einen Platz gefunden. Es handelt sich um einen Bronzeguss nach einem Original, das als Hommage an Hannah Höch am Heiligen See stand. Der Künstler hatte es aus "Fundstücken aus dem See, wie Bootsplanken und Holzbohlen (als Flügel und Körper) sowie einem Stellrad von der S-Bahn (als Kopf)" zusammengefügt als "Archaischen Erz-Engel vom Heiligensee“. Gegossen wurde es in der Bildgießerei Noack.


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Am heutigen Standort wird die Sicht auf den Erzengel von Bäumen verdeckt. Die als Standort angegebene Straße führt in die Irre, der Engel steht direkt auf einer Anhöhe in Seenähe.

Der deutsche Michel
Die Schlacht auf dem Lechfeld kennen wir aus dem Geschichtsunterricht, Otto der Große verteidigte 955 das Deutsche Reich gegen mehrere Feinde. Er war mit einem Banner des Erzengels Michael in den Kampf gezogen und hatte den Erzengel nach der siegreichen Schlacht zum Schutzpatron Deutschlands erklärt. Ob der "Deutsche Michel" als Nationalfigur dort seinen Ursprung hatte? Das wird genauso oft behauptet wie bestritten. Auf jeden Fall hat die Figur viele Wandlungen erfahren. Mal stand der Michel für deutsche Tugenden, dann wurde er mit Zipfelmütze (Schlafmütze) der Inbegriff des kleinkarierten deutschen Spießers.

Wer steht heute als Nationalfugur für die Deutschen? Die Germania mit Schwert und Brustpanzer repräsentiert uns heute nicht mehr. Lebende Personen wie Fußballer kommen wohl nicht in Frage, auch wenn sie von vielen leidenschaftlich verehrt werden Der Bundesadler ist offizielles Staatssymbol und könnte auch als nationales Symbol diese Rolle übernehmen. Von seiner Herkunft als Reichsadler hat er sich in seiner modernen Form, wie der Bundestag ihn zeigt, deutlich emanzipiert.


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Schließen wir mit dem Goethespruch, der als umlaufender Text als Bronzeband am Sockel des Hannah-Höch-Denkmals eingelassen ist:

___Wer sich nähert, den stoßt nicht zurück und wer sich entfernt, den haltet nicht fest,
___und wer wiederkommt, den nehmt auf als wenn er nicht weg gewesen wäre.
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Kirche, Moschee, Synagoge