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Ein Glanzpunkt für Friedenau


Stadtteil: Friedenau
Bereich: Hauptstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Breslauer Platz
Datum: 10. September 2023 (Denkmaltag)
Bericht Nr.:819

Das Friedenauer Rathaus am Breslauer Platz setzt sich an der Hauptstraße mit einem Seitenflügel fort, in dessen Verlängerung der Roxy-Palast angebaut wurde. Der 20 Meter in die Hauptstraße ragende Rathausflügel und der 60 Meter lange Roxy-Palast bilden nicht nur von den Proportionen her einen ungewöhnlichen Kontrast. Auch architektonisch kontrastiert das 1917 in der Zeit des "Steinernen Berlins" erbaute Rathaus mit dem seit 1929 räumlich anschließenden Bau der Neuen Sachlichkeit. Eine neue Epoche hatte begonnen, modernes Großstadtleben ließ die Kaiserzeit hinter sich, Friedenau bekam einen Glanzpunkt.

Roxy-Palast
Der Roxy-Palast - ein Geschäftsgebäude mit namensgebenden Lichtspielhaus - ist ein Stahlskelettbau. Das Erdgeschoss ist komplett verglast mit Schaufenstern und Glastüren. Die Fassade wird gegliedert mit langgestreckten, durchlaufenden Fensterbändern, die als "Filmstreifen" die Kinofunktion nach außen projizieren. Ein Lichtkasten wie ein Gemälde von Piet Mondrian und ein haushoher weißer Lichtturm über dem Kinoeingang sind ein Blickfang. Mit der Leuchtreklame wurde gleichzeitig über das Kinoprogramm informiert.


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Als Premieren-Film wurde das Stummfilm-Historiendrama "Andreas Hofer" gezeigt. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung kam der Kinobetrieb in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mit dem Tonfilm gab es einen Neuanfang, Hugo Lemke, der als "Kinoschwergewicht" eine ganze Reihe von Lichtspielhäusern in mehreren Berliner Bezirken betrieb, war als neuer Betreiber jahrzehntelang erfolgreich. 1951 wurde das Kino nach Kriegsbeschädigung mit der Schnulze "Küssen ist keine Sünd" wiedereröffnet. 1977 wurde der Roxy-Palast geschlossen, er fiel dem Kinosterben zum Opfer.

Der Kinobau ragt als Riegel in den Hof hinein. Vom Kassenraum kam man in ein stimmungsvoll beleuchtetes Foyer. Die 1.100 Plätze im Kinoraum verteilten sich auf 24 Sitzreihen im Parkett und 300 Plätzen im Rang. Zur Stummfilmzeit eröffnet, verfügte es noch über einen Orchestergraben für die musikalische Begleitung der Stummfilme.


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Die Vorführräume mit den Projektoren waren baulich vom Kinobereich abgegrenzt, damit bei den leicht entflammbaren Filmen ein Feuer nicht um sich greifen konnte.

Der Architekt Martin Punitzer

Martin Punitzer hat in Berlin mehrere Villen und Wohnhäuser gebaut und zwei Fabrikgebäude. Die bauliche Inszenierung des Kinos Roxy-Palast gehört zu seinen herausragenden Entwürfen. Wie andere jüdische Architekten wurde er in der Nazizeit buchstäblich totgeschwiegen. Seit 1935 hatte konnte er wegen eines Berufsverbots nicht mehr fachlich arbeiten. 1938 emigrierte er mit seiner Familie nach Chile, ohne nochmal an seinen Erfolg aus Berlin anknüpfen zu können.

Anschlag auf Diskothek "La Belle"
Im Gebäude des Roxy-Palasts befand sich in der Nachkriegszeit die Diskothek "La Belle", die 1986 durch einen Sprengsatz zerstört wurde. Mehrere Menschen wurden getötet oder schwer verletzt. Regelmäßig waren US-Soldaten Gäste der Diskothek, so dass schnell klar wurde, dass der Anschlag den USA galt. Mit Hilfe der Ost-Berliner Staatssicherheit hatten Geheimdienstmitarbeiter der Botschaft Libyens den Anschlag geplant.


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Libyen zahlte Jahre später Millionen Dollar Entschädigungen an die Opfer und Hinterbliebenen. Nach der Wende wurden mehrere Täter aus den Stasi-Unterlagen ermittelt und zu Haftstrafen verurteilt.

Neun Tage nach dem La-Belle-Anschlag ließ Präsident Reagan als Vergeltungsschlag die libysche Hauptstadt Tripolis bombardieren. Zwei Jahre später rächte sich der libysche Geheimdienst, ein amerikanisches Linienflugzeug wurde über dem schottischen Lockerbie durch einen Bombenanschlag zum Absturz gebracht, alle Passagiere starben. Auch hier zahlte Libyen später Entschädigungen an die Hinterbliebenen in Milliardenhöhe. Ein Täter wurde in Schottland für die Tatbeteiligung abgeurteilt.

Es ist so aktuell: Unrecht führt zu Hass, und Hass erzeugt Gewalt, Vergeltung führt zu neuem Hass und neuer Gewalt. Eine Entwicklung, gegen die Gerichtsverfahren machtlos sind.

BBA-Campus als Eigentümer
Heute ist eine Akademie, die Immobilienkaufleute aus- und weiterbildet, Eigentümer des größten Teils des Roxy-Gebäudes. Sie hat die Räume mit Energie und Sachverstand denkmalgerecht restauriert und modernisiert. Stolz zeigt sie "das denkmalgeschützte Gebäude vom historischen Ursprung bis zur heutigen Nutzung" am diesjährigen Denkmaltag.


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Außer einer Terrasse im 1. Stock zum Hof hat das Haus jetzt auch eine Dachterrasse. Sie ist von der Straße aus nicht sichtbar, weil sie weit genug entfernt von den Kanten des Flachdachs angelegt wurde, um dem Denkmalschutz gerecht zu werden.

Uwe Johnson

In den 1960er Jahren wohnten in der Niedstraße in Friedenau die Dichter Günter Grass und Uwe Johnson Haus an Haus. Sie hatten sich 1959 auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt, wo sie ihre Bücher "Blechtrommel" (Grass) und "Mutmaßungen über Jakob" (Johnson) vorstellten. Johnson hatte 1959 eine Atelierwohnung in der Niedstraße 14 übernommen, 1964 zog Günter Grass in das Nachbarhaus Niedstraße 13. Im Jahr 1967 kam es in Johnsons Wohnung zu einem verheerenden Brand, während er sich im Ausland aufhielt. Seine Schwägerin kam dabei ums Leben, Teile seiner Manuskripte gingen verloren.

Mit den restlichen Unterlagen mietete Johnson sich in eine Dachstube im Roxy-Palast ein und schrieb dort einen wesentlichen Teil seines Hauptwerks "Jahrestage". Heute genügt die Dachkammer nicht mehr den Bauvorschriften, sie ist zu niedrig, dort dürfen nur noch Events und keine Daueraufenthalte mehr stattfinden.


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Geblieben und wiedererstanden ist die Inszenierung eines Bauwerks, das mit seiner äußeren Gestalt wie mit der inneren Organisation einen neuen Geist verkörpert(e).
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Weitere Ziele am Denkmaltag waren das ICC - Internationales Congress Centrum und der Ringlokschuppen in Schöneweide.
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Montags sollte man nicht pilgern