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Adler haben nach rechts zu blicken


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Fuggerstraße, Winterfeldtstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Geisbergstraße
Datum: 29. Juni 2020
Bericht Nr.:702

In den Umkreis der Fuggerstraße und Winterfeldstraße führt unser heutiger Stadtspaziergang. Die drei Plätze Viktoria-Luise-Platz, Winterfeldplatz und Nollendorfplatz lassen wir aus, sie waren bereits Themen früherer Besuche, auch über die Motzstraße mitten im Regenbogenviertel haben wir schon berichtet.

Postamt Geisbergstraße
"Der letzte Postillion" schmückt die Ecke des Postamtsgebäudes W 30 in der Geisbergstraße Ecke Welserstraße. Die überlebensgroße Kunststeinfigur steht über Eck auf einem Sockel vor der Backsteinfasse auf Höhe der ersten Etage. "Letzter" Postillion? Die Entwicklung ging so weiter, denn nach dem Postillion wird jetzt auch das ganze Postamt nicht mehr gebraucht. Die Post trennt sich von solchen Immobilien und richtet dafür meist in Läden Abteile als Postshops ein. (Bei uns in der Chausseestraße in Mitte kann man Postsachen erledigen in einem Chinaladen, der auch chinesische Glückskatzen verkauft; die Schlange der Wartenden steht oft bis auf die Straße). In der Geisbergstraße sind Eigentumswohnungen in dem historischen Dienstgebäude entstanden, aus der Schalterhalle wurde ein Gemeinschaftsraum mit hauseigenem Fitnessbereich.

Über der Portalanlage, die aus einem Stück in Beton gegossen ist, breitet unter dem Spruchband "Deutsche Reichspost" der Reichsadler seine Flügel aus. Aber was ist das, er schaut zur falschen Seite! Von sich aus gesehen nach links, dabei schauen Reichsadler sonst immer nach rechts, auch der Adler der "Königlich Preußischen Posthalterei" von 1776. Und das ist kein Zufall, sondern preußisch korrekt so geregelt, Adler haben nach rechts zu blicken.


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Erst im Dritten Reich wurde differenziert, die Adler des NSDAP-Parteilogos schauten nach links, die "staatlichen" Adler wie gehabt nach rechts. Später wurde das nicht mehr konsequent getrennt, auf den Koppeln (Gürtelschließen) der Wehrmacht und Schirmmützen der Kriegsmarine schauten Adler irgendwann nach links, obwohl es sich um Institutionen des Staates und nicht der Partei handelte.

Fernmeldeamt Winterfeldstraße
An der Potsdamer Straße war aus einem kurfürstlichen Hof- und Küchengarten um 1800 ein Botanischer Garten entwickelt worden, der hundert Jahre später an seine Grenzen stieß und nach Dahlem verlegt wurde. Auf einem Teil des dadurch freigewordenen Geländes wurde der Kleistpark angelegt, andere Flächen wurden nach und nach bebaut. Auch das Fernmeldeamt, das ab 1922 in der Winterfeldstraße gebaut wurde, profitierte von dieser Grundstücksreserve.

Es entstand dort ein expressionistischer Bau, der sowohl von seiner Architektur als auch von seiner Funktion, der Entwicklung der Fernsprechtechnik, außergewöhnlich war. Es war die größte Vermittlungsstelle Europas. Wie in einem Kompendium bündelt sich in diesem Bau die Technik-Geschichte ausgehend von den handvermittelten Telefongesprächen ("Fräulein vom Amt") über den Selbstwählbetrieb und die Zeitansage ("Eiserne Jungfrau") bis zu den Funkdiensten (Hörfunk, Fernsehen) und dem Autotelefon. Auch die Nachnutzung des Gebäudes durch Start-Ups ist ein typischer Entwicklungsschritt.

Schon bei den Olympischen Spielen 1936 liefen die Rundfunkreportagen der in- und ausländischen Rundfunkanstalten über die Winterfeldstraße. Und in der Besatzungszeit sendete der RIAS anfangs als Drahtfunk (DIAS) von dort. Von Kriegsschäden im Zweiten Weltkrieg blieb das Fernsprechamt verschont, der als Ausweichstandort vorgesehene Hochbunker Pallasstraße wurde nicht gebraucht, er war sowieso noch nicht betriebsbereit. Dafür haben die Sowjets als Besatzungsmacht die technischen Anlagen demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Manchmal haben sie auch deutsche Fachleute mitgenommen, um die erbeutete Technik zu Hause nutzen zu können.

Als "Fräulein vom Amt" wurden nur ledige Frauen eingestellt. Sie konnten auch nach der Uhrzeit befragt werden. Als 1935 Zeitansagegeräte diese Aufgabe übernahmen, wurde der "ledig"-Status umgangssprachlich auf die Maschinen übertragen, sie waren für die Berliner die "Eisernen Jungfrauen". In der Nachkriegszeit erreichte man die Zeitansage über die Rufnummer 119, sie war die meistgewählte Nummer der Bundesrepublik. Als Ost-Berlin das gemeinsame Berliner Telefonnetz trennte, waren 19 Jahre lang nur noch handvermittelte Telefongespräche in die Ost-Bezirke möglich. Da mit "5" und "9" nur Ost-Berliner Telefonnummern begannen, bekam man in West-Berlin ein Besetztzeichen, wenn man diese Nummern wählte. Telefontechniker nutzten diese Tatsache, um ganz einfach zu prüfen, ob das Telefon funktioniert.

Der Architekt Otto Spalding war Schwager des U-Bahnarchitekten Alfred Grenander. Beide waren eine Zeit lang Partner in einem gemeinsamen Architekturbüro. Mit dem Fernmeldeamt in der Winterfeldstraße hat Spalding einen ausdrucksvollen Bau geschaffen. Das 90 Meter lange Gebäude umschließt vier Innenhöfe. Die "Fräuleins vom Amt" saßen in zwölf Sälen, die sieben Meter hoch sind. Auch an diesem Amtsgebäude ist auf der Fassade das Hoheitszeichen der Post angebracht, der Adler. Hier schaut er über seine rechte Schulter in die richtige Richtung.

Gaswerk Fuggerstraße
Die Fuggerstraße ist ein Abfallprodukt der autogerechten Stadt. Als die Lietzenburger Straße für den Ausbau zur Stadtautobahn vorbereitet wurde, trennte sie von der Augsburger Straße den südlichen Teil in Schöneberg ab, der dann in Fuggerstraße umbenannt wurde. Hinter der Hygiea-Klinik versteckt sich ein Backsteingebäude mit Stufengiebel, dessen Ausdehnung erst vom Parkplatz eines Nachbargrundstücks sichtbar wird. Heute unvorstellbar in der dichten großstädtischen Bebauung: Das Gebäude war ein Gaswerk, es gehört heute noch der Gasag. Der dazugehörige Gasometer (Gasbehälter) stand am Ende des Straßenblocks an der Welserstraße. Mit 50 Meter Höhe war er doppelt so hoch wie ein Mietwohnhaus, der Durchmesser betrug 65 Meter. Von 1895 bis 1944 war der Gasometer in Betrieb. Nach Kriegszerstörung wurde er abgerissen und die Finow-Grundschule auf dem Gaswerksgelände erbaut.

Das Geheimnis des "Kachelhauses"
Das Eckhaus an der Goltzstraße/Hohenstaufenstraße hebt sich von den umgebenden Bauten durch eine ungewöhnliche Fassade ab. Auf die Oberfläche aus weißen Ziegelsteinen zeichnen glasierte Klinker ein Muster von Bändern und Ornamenten. Die Fensterachsen und Gesimsbänder werden von dunklen Umrandungen eingefasst. Über dem Erdgeschoss sind Medaillons mit Köpfen eingebettet in ein durchgehendes Band kleinerer Schmuckelemente.


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Gebaut hat das Haus der Leipziger Architekt Richard Landé, in dessen Werk die Hausfassade so gar nicht passen will. Landé hat für Wettbewerbe mehrerer Städte Fassaden entworfen und die Publikation aller Wettbewerbsentwürfe übernommen. Bei den Entwürfen für Bautzen, Bremen, Danzig, Köln und Lübeck ging es um "Deutsche Architektur neu entworfen im Sinne der alten", also um Historismus. Elemente aus Gotik, Renaissance, Barock usw. wurden für zeitgenössische Bauten verwendet. Von Landé stammen Entwürfe mit Türmchen und Erkern und Publikationen über "moderne Entwürfen in gotischen Formen" sowie über Einfamilienhäuser in dem Buch "Mein Haus -Meine Welt". Das "Kachelhaus" fällt völlig aus diesem Rahmen. Wie kommt es also zu diesem Fassadenschmuck?

Dem Geheimnis auf den Grund gegangen ist eine ortsansässige Buchhändlerin, Verlegerin und Heimatforscherin. Sie glaubt, Symbole der Freimaurer in den Terrakotten zu erkennen. Im Gesimsband sieht sie "Ketten mit Bällen", die Kette stehe für freimaurerische Verbundenheit. Die (zufällige) Hausnummer 32 ist "die Zahl des Herzens" und der Rosenkranz im Dachgesims enthält mit der Rose das "höchste Symbol der Freimaurer". Selbst unbehandelte Ziegelsteine seien ein Symbol, sie stehen für den unbehauenen Stein der Freimaurer. Diese gewagte These wurde durch nachfolgende Zeitungsartikel und eine Sendung von Radio Eins ausgeschmückt und unkritisch weiter verbreitet. Die Theorie ist sehr bemüht, aber sie stimmt nicht.

Der Denkmalführer "Dehio", der auf Dünndruckpapier die von Experten zusammengetragenen und komprimierten Denkmalfakten versammelt, sieht einen anderen Zusammenhang: "Vermutlich" sind für die Glasurklinkerfassaden "Terrakotten, Arabesken, Köpfchen, Allegorien aus dem kurz zuvor abgerissenen Berliner Traditions-Café Helms" verwendet worden.

Dort, wo jetzt die Wippe als Einheitsdenkmal entstehen soll, stand früher vor dem Stadtschloss das monumentale Denkmal für Kaiser Wilhelm I. und noch davor zehn Jahre lang das Café Helms, und noch früher standen dort die Werder'schen Mühlen. Das Café Helms ist 1893/1894 größtenteils abgetragen worden. Zeitlich würde es hinkommen, dass die Blendsteine und Terrakotten am 1894/1895 erbauten "Kachelhaus" einen neuen Platz finden konnten.

Den Giebel des "Kachelhauses" krönt ein Medaillion mit einem Früchtekranz auf quadratischem Grundriss. Innerhalb des Kranzes befindet sich ein Helm mit dem Buchstaben "S". Im Fassadenentwurf des Cafés Helms, der 1884 im "Centralblatt der Bauverwaltung" veröffentlicht worden ist, stimmt der Giebelschmuck bis auf eine Abweichung mit der in Schöneberg vorgefundenen Darstellung überein: Das Innenfeld ist jetzt gegenüber dem Entwurf deutlicher als Helm ausgeführt worden, dem Sinnbild des Cafébetreibers Helms.


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Das Cafégebäude war von vornherein als temporärer Bau geplant. Es war als Fertighaus mit quadratischen Unterteilungen errichtet worden, damit es schnell wieder abgebaut werden konnte. Für die quadratischen Fassadenelemente wird entsprechende Vorsorge getroffen worden sein, so dass sie wiederverwendet werden konnten. Diese Indizien sprechen dafür, dass die Fassadenelemente am "Kachelhaus" vom ehemaligen Café Helms vor dem Stadtschloss stammen.

Die figürlichen Terrakotten schuf der Bildhauer Otto Lessing. Über die Bedeutung der darin enthaltenen Symbole schreibt das Centralblatt: "Die Medaillons stellen sinnbildlich Wein, Bier, Thee, Kaffee und Tabak dar, theils durch Figuren allgemein bekannter Ueberlieferung, wie Bacchus und Gambrinus, theils durch Bevölkerungs-Typen der verschiedenen Länder, welchen diese Genußmittel entstammen". Keine Spur von Freimaurern und ihren Zeichen.


An diesem sonnigen Abend finden wir für unser Flaniermahl an einem Lokal in der Winterfeldstraße einen Tisch im Freien, der zudem den Luxus bietet, zwischen Schatten oder Sonne zu wählen, ganz wie es jedem beliebt.
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Unsere Route:
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Gartenstadt ohne Sozialutopie