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Die drei Jahreszeiten von Reinickendorf


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Zwischen Residenzstraße und Provinzstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Kühleweinstraße
Datum: 23. Juli 2020
Bericht Nr.:705

Das Stadtviertel von der Residenzstraße bis zur Provinzstraße wird an den Rändern von den beiden Hauptstraßen geprägt, der Residenzstraße als großstädtische Geschäftsstraße und der Provinzstraße mit ihren Fabrikbauten. Dazwischen befindet sich ein Viertel "aus kleinparzelligen Wohninseln und großen Siedlungsfiguren", also mit kleinen Grundstücken und mit ausgedehnten Wohnblöcken, wobei sich in den Parzellen auch noch Wohnen und Gewerbe mischen. Beim Durchqueren macht dieses Quartier einen uneinheitlichen und ungeordneten Eindruck, der darauf beruht, dass bis heute die unterschiedlichen Phasen der baulichen Entwicklung nebeneinander sichtbar geblieben sind.

Kaum noch vorstellbar, aber auf dem Stadtplan nachzuvollziehen ist, dass es eine barocke Sichtachse vom Charlottenburger Schloss zum Schloss Schönhausen gegeben hat, die vor der städtischen Bebauung über die Seestraße und den abgeknickten Teil der Reginhardstraße bis nach Schönholz reichte. Eine Entfernung von 10 km, die durchaus zum Weitblicken geeignet ist.

Bauliche Entwicklung
Nach 1870 begann die Terraingesellschaft von Heinrich Quistorp ("Westend-Gesellschaft"), die Flächen um die heutige Lettestraße zu parzellieren. Die Gebäude auf den kleinen Parzellen wurden für das mittlere Bürgertum nach dem Beispiel englischer Cottages gebaut. Diese Lettekolonie besteht aus Doppelwohnhäusern mit Stallgebäuden, die auf Gartenland angelegt wurden. An der Letteallee und Pankower Allee sind mehrere dieser Doppelhäuser erhalten geblieben.

In der Pankower Allee - der Lettekolonie gegenüber - finden wir typische Beispiele der gemischten Bebauung mit kleinen Werkstätten und Remisen in den hinteren Grundstücksbereichen und den oft später ergänzten Wohngebäuden an der Straßenfront. Auf dem Grundstück 13-15 steht aus den 1880er Jahren ein Werkstattgebäude mit Dampfhammerwerk, das jahrzehntelang durch eine Fischräucherei nachgenutzt wurde. Heute arbeitet hier ein Autoschrauber, wie wir überhaupt bei vielen kleinen Werkstätten und Remisen auf den Parzellen vor allem das Autohandwerk als gegenwärtige Nutzer sehen. Das Autohandwerk ist offensichtlich aus den Fuhrbetrieben hervorgegangen, die früher die Remisen nutzten.

Das Wohnhaus vor dem Werkstattgebäude 13-15 erhielt eine für die Bauzeit typische Aufteilung mit einer kompletten Eigentümerwohnung im Erdgeschoss. Für die im Obergeschoss wohnenden Arbeiter reichten "Stube und Küche", eine Raumaufteilung wie in den Mietskasernen der Innenstadt.

Weiter östlich zur Provinzstraße liegen zwei runde Stadtplätze, der Epensteinplatz und der Hausotterplatz. Beide sind nach den Landeigentümern benannt: Epenstein war Königlicher Stabsarzt, die Hausotters sind eine altansässige Reinickendorfer Familie. Der 1877 angelegte Bahnhof Schönholz (damals noch "Reinickendorf") an der Nordbahn machte die Parzellierung des zur Provinzstraße gelegenen Geländes interessant. Nach einem Bebauungsplan ("Hausotterplan") wurden Straßen angelegt, es entstand eine von Kleingewerbe durchmischte Bebauung mit ein- bis zweigeschossigen Häusern, die heute noch für die Hausotterstraße typisch ist. Teilweise ist auch das alte Straßenpflaster erhalten, beispielsweise rund um Epensteinstraße und Epensteinplatz. An der Bürgerstraße findet man sogar noch einen Kanaldeckel der "Wilh. Rothe & Cie." von 1900, einer Gesellschaft, die zehn Jahre vorher das Patent № 54298 für das Spülen von Abwasserleitungen angemeldet hatte.

Am Epensteinplatz schmiegt sich im Nordwesten die 1928 erbaute Wohnanlage der Architekten Keller & Prömmel mit einer geschwungenen Fassade der Rundung des Platzes an. An der gegenüberliegenden Seite greift ein rechtwinkliger Bau dagegen bis auf das ehemalige Straßenland vor und verhindert, dass der Platz komplett umfahren werden kann. Ein Zugeständnis an die Baugesellschaft, wodurch sie die Rendite ihres Bauvorhabens durch mehr Mietfläche steigern konnte. So konnten diese Investoren 1929 auf Kosten der Allgemeinheit Profit erzielen.


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Straßenbahnbetriebshof
In der Pankower Allee folgt der niedrigen Bebauung der Lettekolonie an der Ecke Kühleweinstraße unvermittelt ein großstädtisches Gegenüber mit dem Straßenbahnbetriebshof, der Gemeindeschule und vierstöckigen Wohnhäusern als Randbebauung. Der für die Pferdebahn im Jahr 1900 erbaute Betriebshof war dreimal so groß wie die heute noch stehende Halle. In dem dreischiffigen Bau mit sieben Toren pro Bauteil war Platz für 240 Wagen. Im Einfahrtsbereich befindet sich jetzt ein Café, das Halleninnere wird als Lager verwendet.

Die Hallenkonstruktion besteht aus Eisenfachwerk, das mit einer roten Ziegelfassade verblendet wurde. Zu einer Zeit, als man allgemein Ziegeln mehr Tragfähigkeit als dem modernen Werkstoff Eisen zutraute, wurde so das vertrauenserweckende Material nach außen visualisiert, obwohl es tatsächlich keine tragende Funktion hatte. Auch Peter Behrens hat 1909 seine AEG-Turbinenhalle so konstruiert, dass die mächtige Säulenkonstruktion an der Giebelseite zwar Kraft und Macht zeigten, die Halle aber tatsächlich durch im Verhältnis dazu zierliche Metallkonstruktionen (Dreigelenkbinder) an den Längsseiten getragen wurde.


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Man muss man in zunehmendem Maße das Bild hinterfragen, das die Architektur uns vermittelt, denn Architektur ist immer auch Emotion, die bautechnische Wahrheit ist oft in einer tieferen Schicht verborgen.

Jean Krämer, der für die Straßenbahngesellschaft insgesamt fünf Betriebshöfe erbaut hat, sollte ursprünglich in den 1920er Jahren an der Pankower Allee eine groß dimensionierte neue Halle für die Straßenbahn errichten. Dieser Plan wurde nicht verwirklicht. Die Dimension des Vorhabens wird anhand der Randbebauung in der Reginhardstraße sichtbar. Wie beim Straßenbahnbetriebshof Britz wurde flankierend zur (geplanten) Halle eine Wohnanlage für die Mitarbeiter der Straßenbahn errichtet. Die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft der Straßenbahn beauftragte hier die Architekten Fedler und Kraffert, die 1929 einen Bauriegel mit rhythmisch vorspringenden Erkern schufen, einen Putzbau mit variationsreich eingefügten Backsteinfeldern.

Große Siedlungsfiguren
Neue Wohnsiedlungen konnten in den späten 1920er Jahren vermehrt entstehen, weil sie aus dem Aufkommen der "Hauszinssteuer" gefördert wurden, die nach der Hyper-Inflation 1923 erhoben wurde. Um die Reparationen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs zu bezahlen, die Kriegsanleihen des Kaiserreichs an die eigene Bevölkerung zurückzahlen und den Widerstand gegen die Ruhrbesetzung zu finanzieren, druckte die Reichsregierung 1923 immer mehr Geld, für das es keine materiellen Gegenwerte gab. Die Folge war eine Inflation, durch die Dinge des täglichen Bedarfs plötzlich Milliarden und Billionen kosteten.

Es folgte eine Abwertung, eine neue Währung wurde geschaffen, die Rentenmark (später Reichsmark). Die Menschen hatten alles Geld verloren, nur das Sachvermögen, also insbesondere Grundstücke, war davon nicht betroffen, es behielt seinen inneren Wert. Grundstückseigentümer waren so Inflationsgewinner. Um diesen Gewinn abzuschöpfen, mussten Hauseigentümer von 1924 bis 1943 von ihren Mieteinnahmen 16 Prozent als Hauszinssteuer an den Staat abführen. Das Aufkommen wurde nur für den Wohnungsbau verwendet.

Wohnanlage Jessen
Gegenüber dem Betriebshof der Straßenbahn baute der Architekt Hans Jessen 1928 eine große Wohnanlage mit drei- bis fünfgeschossigen Bauten, die sich über zwei Straßenkarrees erstreckt. Die gelb verputzten Fassaden werden von den horizontal mit weißen Klinkerbändern verbundenen Fenstern unterbrochen. Auftraggeber war die Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus (DeGeWo), für die er ein Jahr später in Tempelhof die Siedlung "Blanke Helle" errichtete, die halbrund am Alboinplatz beginnt, sich bis zur Wittekindstraße fortsetzt und dabei einen anmutigen Wohnhof schafft.


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In zeitlicher Nähe dazu schuf er an der Tauernallee in Mariendorf eine großzügige Wohnanlage beidseits der Straße. Vorgezogene Treppenhausachsen und Loggien gliedern die mit Klinkern verkleideten Wohnblöcke.

Wohnanlage "Grüne Höfe"
Die Mittelbruchzeile ist für den Straßenverkehr stillgelegt worden, sie ist jetzt eine "Landschaft vor der Tür". Eine bemühte Grünanlage, auf deren 360 Metern Länge "vielfältige Angebote für Erholung, Kommunikation, Spiel und Begegnung" schnell an ihre Grenzen stoßen. Richtung Reginhardstraße und in die Querstraße hinein wird der Grünstreifen von einer weiteren Wohnanlage eingefasst, den "Grünen Höfen". "Gleichförmig gestaltete Hausfronten- sachliche, kühle Gliederung der Architektur - bewirken eine kompakte Geschlossenheit".

Drei Jahreszeiten: Sommer, Herbst und Winter
Im Quartier schneiden sich die Sommer- und die Winterstraße. An der Provinzstraße treffen wir auch noch auf die Herbststraße. Gab es nicht vier Jahreszeiten? Richtig, die Frühlingstraße lag früher tatsächlich in Reinickendorf, wurde aber durch eine Gebietsreform 1938 zusammen mit dem Bereich jenseits der Nordbahn nach Pankow verschoben.

Die U-Bahn hatte uns am Franz-Neumann-Platz zur Residenzstraße gebracht. Ein bunter Vogel über der Treppe des von Reiner G. Rümmler gestalteten Bahnhofs begleitete uns ins Freie. Die S-Bahn, die schon seit 1903 nicht mehr ebenerdig, sondern auf einem angeschütteten Damm fährt, bringt uns vom Bahnhof Schönholz an der Provinzstraße in die Stadt zurück.
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Unsere Route:
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Die Vergangenheit überwinden