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Der Kirchturm schwankt beim Läuten


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: (Östliche) Altstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Gierkezeile
Datum: 25. März 2026
Bericht Nr.:880

Südlich der Straße nach Berlin (Otto-Suhr-Allee) entwickelte sich vor 300 Jahren im Einzugsgebiet des Schlosses Charlottenburg eine Altstadt, deren östlichen Teil wir heute erkunden wollen. Königin Sophie Charlotte - die Namensgeberin der Stadt - hatte 1695 eine Sommerresidenz in der Nähe des Dorfes Lietzow erbauen lassen. Nach ihrem Tod wurde für die südlich angrenzende Altstadt 1706 ein Bebauungsplan aufgestellt, der den Stadtgrundriss festlegte mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Im westlichen Teil mit der Schloßstraße als barocke Sichtachse, die direkt auf das Schloss Charlottenburg zuführt und von repräsentativen Bauten geprägt ist.

Die dörfliche Altstadt
Andererseits liegt zwischen Kaiser-Friedrich-Straße und Richard-Wagner-Straße ein dörflicher Bereich, der dem alten Dorfkern Charlottenburgs in Alt-Lietzow verwandt ist. Entstanden aus einer mittelalterlich-dörflichen Struktur, die in den Bebauungsplan mündete mit Kirchplatz (Gierkeplatz) und Marktplatz (Richard-Wagner-Platz). Die umliegenden Straßen sind in den Jahren ab 1711 benannt worden.

Die baulichen Spuren der 300jährigen Geschichte sind dort bis heute in erstaunlicher Vielzahl sichtbar geblieben. Es ist ungewöhnlich, dass sich die östliche Altstadt in dieser Zeit ruhig entwickeln konnte, unbeeinflusst von den rasanten Umbrüchen der industriellen Revolution, die Berlin zu einer Industriemonopole mit explodierender Bevölkerungszahl machte. Für unseren Stadtrundgang markiere ich regelmäßig vor dem Flanieren auf dem Stadtplan anhand der Denkmaldatenbank und anderer Quellen die Ziele, die wir bei unserem Rundgang nicht übersehen wollen. So viele Punkte wie bei diesem Rundgang hatte ich wohl noch nie eingetragen, straßenweise sind hier oft Haus bei Haus denkmalwürdig und interessant.


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Sophie Charlottes Hofarchitekt Eosander von Göthe entwarf den Typ eines Bürgerhauses - freistehend, eingeschossig, mit fünf Fensterachsen. Noch heute sind in der östlichen Altstadt mehrere Gebäude zu finden, die diesem Musterhaus entsprechen. Es sind kleine Juwele in einer vielfach von Investoren beherrschten und "gemordeten" Stadt. Auch das älteste Haus Charlottenburgs in der Schustehrusstraße 13 entspricht diesem Haustyp.

Haubachstraße: Bauhistorischen Epochen auf engstem Raum

Im Brennglas: Haubachstraße Ecke Wilmersdorfer Straße
An der Ecke Haubachstraße und Wilmersdorfer Straße sind Gebäude aus den verschiedensten bauhistorischen Epochen wie im Brennglas auf engstem Raum versammelt. An der Ecke Haubachstraße 13 ist einstöckiges Bürgerhaus von 1823 zu finden. Gegenüber an der Haubacher Str.14 steht ein 1730 einstöckig erbautes Bürgerhaus, das später aufgestockt wurde. In den 1880er Jahren kamen an dieser Ecke in Phasen mehrstöckige Häuser bis hin zu den für Berlin typischen fünfgeschossigen Mietwohnhäusern hinzu.


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Charakteristisch für diesen Berliner Häusertyp ist die von der Baupolizei festgelegte Traufhöhe (Höhe der Regenrinne über Niveau) von 22 m, die nicht überschritten werden durfte.

Wie ein Schaubild: Haubachstraße 13 bis 21 ungerade
Mit sichtbarer Abstufung der Gebäudehöhe sind vom Eckhaus Wilmersdorfer die Haubachstraße entlang an fünf Häusern die Bauepochen wie auf einem Schaubild abzulesen: Das eingeschossige Bürgerhaus Nr.13, daneben das zweigeschossige Haus Haubachstr. 15 von 1875. Des weiteren die viergeschossigen Häuser Haubachstr. 17 und 19 von 1883 und 1888. Schließlich die berlintypischen fünfgeschossigen Mietshäuser ab Nr. 21. Wohnhäuser aus allen Bauepochen - so hat sich die Bebauung in der Charlottenburger Altstadt entwickelt.


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Heute herrschen die fünfgeschossigen Mietshäuser in der Altstadt vor, trotzdem ist die dörfliche Beschaulichkeit erhalten geblieben.

Das älteste Haus
Betritt man die Altstadt vom Richard-Wagner-Platz aus, findet man an der Schustehrusstraße 13 das älteste Haus Charlottenburgs. Es wird heute vom Keramik-Museum Berlin genutzt. Der eingeschossige Fachwerkbau wurde 1712 errichtet und blieb trotz mehrerer Umbauten in seiner Struktur und Bausubstanz bewahrt als Dokument der Gründungsphase der Stadt Charlottenburg. Genutzt wurde es unter anderem als Werkstatt, Tanzschule, Gaststätte, Veranstaltungsort, Korbmacher- und Tabakwarenladen. Auch einen illegalen Abrissversuch hatte es gegeben, den aufmerksame Bürger zum größten Teil verhindern konnten.


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Charlottenburger Sumpf
Die Zillestraße hieß früher Wallstraße, die Schustehrusstraße trug den Namen Deichstraße. Diese Benennungen führen zu einem dunklen Kapitel der Stadtgeschichte: In der Nähe floss der Schwarze Graben, ein kleiner Seitenarm der Spree, aufgestaut zu einem Karpfenteich, der später zugeschüttet wurde. Dessen Bebauung führte zum "Charlottenburger Sumpf", in dem "Nassen Dreieck" stürzten beim U-Bahnbau Häuser ein.

Luisenkirche
Am Gierkeplatz ("Kirchplatz") steht seit 1712 die Luisenkirche, ein zweigeschossiger Putzbau. In der Simultankirche konnten Reformierte und Lutheraner zu gleichen Teilen ihre Gottesdienste abhalten. Der Holzturm geriet beim Läuten ins Schwanken, deshalb musste er abgetragen werden, ehe ein Unglück passiert. Beim späteren Umbau erhielt die Kirche einen steinernen Turm, entworfen von Karl Friedrich Schinkel. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche in ihrer historischen Außenform wieder aufgebaut, mit einer modernen Gestaltung im Inneren.


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Schulhaus
Südlich des Platzes steht das älteste Schulhaus Charlottenburgs von 1785 mit Erdgeschoss (Schule) und Obergeschoss (Wohnung des Rektors). Das Haus wurde später erweitert, um zwei Mädchen- und zwei Jungenklassen unterrichten zu können. Der protestantische Pfarrer Johann Gottfried Dressel hatte den Schulbau initiiert. Von ihm stammen auch zwei Chroniken über Charlottenburg ("Charlottenburg ist wirklich eine Stadt"). Eine Gedenktafel würdigt ihn: "Der aufgeklärte Prediger führte die Reformpädagogik Pestalozzis ein, ordnete die Schulverhältnisse neu und richtete eine städtische Armenpflege ein".


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Oberstufenzentrum
Das Nachbargebäude am Gierkeplatz ist die 1972 erbauten Porsche-Oberschule, ein Oberstufenzentrum für KFZ-Technik. Das Gebäude springt am Übergang vom Platz in die Gierkezeile mit einem großen Schwung von der Straßenkante ins Blockinnere zurück. Die waagerechten Fensterbänder werden von einer Metallfassade eingerahmt, eine wirkungsvolle Nachkriegsmoderne in der Altstadt.


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Städtisches Krankenhaus
In der Altstadt an der Ecke Gierkezeile und Zillestraße wurde 1865 als städtische Infrastruktur ein Krankenhaus mit 80 Betten eingerichtet. Der rote Ziegelbau wird betont durch mehrere aus der Fassade hervorgezogene Risalite, die von Giebeln bekrönt werden. Nach 25 Jahren ergänzte man das Krankenhaus um weitere Ziegelbauten für Verwaltung und Leichenhalle. Einen eingeschossigen Ziegelsteinbau in der Gierkezeile 9 nutzte man als Operationstrakt.


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Für die schnell wachsende Großstadt Charlottenburg reichte schließlich die auf 392 Betten gewachsene Krankenanstalt nicht mehr aus, 1904 übernahm die auf dem Gelände eines Pferdemarktes errichtete Klinik Westend die Krankenversorgung.

Behaimstraße
In der Behaimstraße sind genau wie in der Thrasoltstraße mehrere Bauten des "Baukönigs von Charlottenburg", Alfred Schrobsdorff, zu finden. In den 1870er Jahre nutzte er den Gründerboom, baute und vermarktete Mietwohnhäuser (auch Mietskasernen) und nutzte die Eigenheiten des Grundstücksmarktes für seine Geschäfte aus. Als Denkmale sind heute 41 seiner noch vorhandenen Häuser in ganz Charlottenburg eingetragen.

In der Behaimstraße 11 befand sich seit 1890 die Synagoge Charlottenburg, eine Gedenktafel erinnert daran. Die Synagoge wurde bei den Novemberpogromen 1938 beschädigt, 1943 erhielt sie schwere Bombentreffer. Die Ruine ist 1957 abgerissen worden.

Magnus Hirschfeld
Bevor wir durch das Altstadtviertel mäandern, bringt uns die Otto-Suhr-Allee nördlich der Altstadt mit einer Gedenksäule auf ein ganz anderes Thema: Geehrt wird dort vor seinem ehemaligen Wohnhaus der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der 1897 mit seinem "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" begann, der Kriminalisierung von Homosexualität entgegenzutreten. Seine wissenschaftliche Arbeit setzte er mit dem "Institut für Sexualwissenschaft" fort. Nationalsozialistische Hetzkampagnen trieben ihn 1932 aus dem Land, seine Bücher wurden auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Seine Idee blieb, das Thema war gesetzt.


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"Berliner Kind - Spandauer Wind - Charlottenburger Pferd - sind alle nichts wert".

Das ist ein Spottvers aus der Kaiserzeit über die feinen Herrschaften in Charlottenburg und über das zugige, provinzielle Spandau weit draußen vor der Residenzstadt. - Berlin, Charlottenburg und Spandau waren damals noch selbstständige Gemeinden, die erst 1920 zu Groß-Berlin zusammengelegt wurden. Da leistete man sich gern Seitenhiebe gegen die Nachbarn wie das „feine“ Charlottenburg: Als im Schloss Charlottenburg noch Könige und Königinnen residierten, war die selbständige Stadt Charlottenburg ein repräsentativer, wohlhabender, höfischer Ort. Angrenzend an die Stülerbauten südlich des Charlottenburger Schlosses befand sich der Königliche Marstall mit den Reit- und Kutschpferden. Das sind die "Charlottenburger Pferde" aus dem Spottgedicht.

Die ebenfalls selbstständige Stadt Spandau, weitab "draußen" an der Havel, wurde verspottet, "da draußen zieht’s so sehr, dass die Kinder gleich blind werden". Und auch die frechen, lauten und großmäuligen Berliner Kinder wurden nicht geschont.

Berliner Schnauze, die schnoddrige, verkappt warmherzige Sprache der Großstadtbewohner ist heute weitgehend verschwunden, die Stadt ist divers geworden. Busfahrer und Marktleute haben sie noch drauf, und die Werbetexter von Stadtreinigung ("Alle 5 Minuten verliebt sich Abfall in diesen Eimer") und BVG ("Ist noch jeder angekommen").

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Versammlung von Kunstwerken auf dem Marktplatz