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An den Fassaden sollt ihr sie erkennen


Stadtteil: Tiergarten
Bereich: Europa-City
Stadtplanaufruf: Berlin, Heidestraße
Datum: 29. Juni 2018
Bericht Nr.:624

An der Heidestraße nördlich des Hauptbahnhofs entstehen die Neubauten der "Europa-City". Nebenan wird die Ringbahn mit dem Hauptbahnhof verknüpft, die "S 21" soll hier fahren. Der heutige Stadtspaziergang führt links und rechts am "Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal" entlang, über den Invalidenfriedhof und ist zugleich ein Update zur Heidestraße.

Europa-City Heidestraße
In der Europa-City entstehen Büros, Büros, Büros und Wohnblöcke. Jedes Gebäude ist ein massiver Häuserblock, nur wenige Blöcke haben eine Geschossfläche von weniger als 20.000 Quadratmetern. In jedem dieser Gebäude lässt sich ein Alt-Berliner Mietshaus 10 bis 15 Mal unterbringen. Im Durchschnitt enthält ein Wohnblock in der Heidestraße mehr als 150 Wohnungen, in der Spitze sogar mehr als 300 Wohnungen.

Das ist eine Aufgabe für die Architekten: Wie gestaltet man Quartiere so, dass die Baumasse gefällig wirkt, kein "Langer Jammer" entsteht? Diese Bauaufgabe muss man nicht neu erfinden, Beispiele für unterschiedlich dimensionierte Gebäudeteile, Fassadengliederungen, Vor- und Rücksprünge, bereichsweise differenzierte Vorderfronten gibt es genug. Und es gibt das schlechte Beispiel der "Regalarchitektur", der gleichförmig gerasterten Vorderfronten bei den meisten Neubauten in der Stadt. Mit dieser gesichtslosen massenhaften Typisierung "bilden die Fassaden vor allem die Gewinnabsichten ihrer Investoren ab".

Die Entwürfe für die Bauten in der Heidestraße mussten - wenn schon kein Wettbewerb ausgeschrieben wurde - zumindest dem Baukollegium der Senatsbaudirektorin vorgestellt werden. Das wohl ungefähr dieselbe Funktion hat wie das Tabakskollegium der preußischen Könige, dort wurde ohne Standesschranken diskutiert und deftig gescherzt. Auch wenn ein Architektenwettbewerb veranstaltet wird, muss eine Jury mit dem Vorlieb nehmen, was angeboten wird.

So beklagte die Jury beim "Wohnquartier mit Nahversorgungszentrum", dass man "allerdings noch mehr Unverwechselbarkeit und Strahlkraft über den Ort hinaus gewünscht hätte". Das bestätigten die Architekten indirekt, indem sie ihren Bau eine "robuste, einfache und anpassungsfähigen Großform" nannten. Nur unsere Senatsbaudirektorin sah darin eine "starke Architektursprache".


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Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Dazu gehören das Wohn- und Galeriegebäude "Wohnen am KunstCampus" hinter dem Hamburger Bahnhof und das Bürogebäude des Stromversorgers "50 Hertz", die sich vom herrschenden Raster lösen und dynamische Formen zeigen, eine Wohltat in dem Europacity-Einerlei. Dass bei Großbauprojekten eine "noch stärkere Architektursprache" möglich ist, dass man durchaus phantasievoll bauen kann, zeigt die Hamburger Hafencity, von der ich Beispielsbilder angefügt habe.

S-Bahn S 21 vom Ring zum Hauptbahnhof
Die Ringbahn fährt im Kreis um den Hauptbahnhof herum, aber sie zweigt nicht zu ihm ab, eine Direktverbindung fehlt. Kein Problem, die Verbindung wurde mit geplant, als für das wiedervereinigte Berlin die Nord-Süd-Strecke nach dem "Pilzkonzept" von Gesundbrunnen bis Südkreuz ausgebaut wurde. Im Rohbau liegen seit damals Tunnelabschnitte unter der Erde, die für die neue Linie S 21 gebraucht werden. Am Potsdamer Platz kann man sogar auf einen Tunnelrohbau von 1939 zurückgreifen.

Soweit die Theorie. Die Realität sieht anders aus, deshalb spricht man in Berlin nur noch ungern von der "S 21", um die Assoziation zum entgleisten Stuttgarter Bahnmonstrum "S 21" zu vermeiden. Doch bei uns ist nicht wie in Stuttgart das Projekt unsinnig, sondern es läuft wegen der Bau- und Planungsfehler der Vergangenheit aus dem Ruder. So wie in diesen Tagen war 2006 das Fußballfieber ausgebrochen, damals trat das Sommermärchen des deutschen WM-Siegs dann auch tatsächlich ein. Der Hauptbahnhof als Touristen-Knotenpunkt musste unbedingt vorher fertig werden, egal wie es unter der Erde aussah. Und so wurde bei den Vorleistungen für die S 21 gepfuscht und anschließend zugeschüttet, mit den Folgen kämpfen die Planer jetzt seit Jahren.

Am Hauptbahnhof muss man einen 30 cm starken Spalt erkunden, der sich im Rohbau der künftigen S-Bahn-Station befindet, vielleicht enthält er Wasser. Ein Tunnelstück unter der B 96 steht definitiv unter Wasser. Bei einer Stützwand im Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal ("BSSK") ist nicht sicher, ob sie dem Druck einer neuen S-Bahnbrücke standhält. Um den Bahnanschluss wenigstens provisorisch herzustellen, soll ein Bahnsteig nördlich des Hauptbahnhofs gebaut werden, der allerdings nur Kurzzüge aufnehmen kann, mehr Platz ist dort nicht vorhanden. Sogar ein erst vor neun Jahren fertiggestellter Ausgang der U 55 am Hauptbahnhof muss abgerissen werden, weil er der S 21 im Wege ist. Irgendwann wird einmal die Strecke bis zum Potsdamer Platz mit normallangen Zügen befahren werden können, Zeitpunkt ungewiss.

Invalidenfriedhof
Ein Todesstreifen führt über einen Friedhof - so pervers kann Weltgeschichte sein. Die Friedhöfe an der Liesenstraße an der Grenze zu Wedding wurden teilweise abgeräumt, um Schussfeld an der Mauer zu schaffen. Und auch am Invalidenfriedhof wurden Gräber eingeebnet und Grabmale beseitigt, damit auf Menschen geschossen werden konnte, die die DDR verlassen wollten.

Friedrich der Große hatte den Invalidenfriedhof gegründet. Der feinsinnige König hatte seine Regentschaft als Krieger begonnen, zur Versorgung der Kriegsinvaliden aus den Schlesischen Kriegen ("lahme Kriegsleut") ließ er das Invalidenhaus in der Scharnhorststraße errichten, dem bald der angrenzende Friedhof folgte. Die Ruhestätte ist Berlins zweitältester Militärfriedhof, ein Abbild der preußischen, deutschen und Berliner Geschichte, obwohl der wesentliche Teil der Gräber durch Einebnungen und in der DDR-Zeit durch den Bau der Mauer vernichtet wurde.

Auf dem Friedhof wurden Militärpersonen und bedeutende Zivilpersonen beerdigt sowie Kommandanten des Invalidenhauses und Schwestern des Hospitals. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurden der Friedhof Ruhestätte verdienstvoller Militärs wie Scharnhorst, Tauentzien, Witzleben, Boyen. Die Grabmale schufen Bildhauer und Architekten wie Schinkel, Stüler, Rauch, Tieck. Mehrere im Luftkampf des Ersten Weltkriegs gestorbene Jagdflieger sind auf dem Friedhof beigesetzt, Manfred von Richthofen wurde 1925 mit großem Pomp hierher umgebettet.


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In der Nazizeit sollte der Invalidenfriedhof den Germania-Planungen weichen. Bedeutende Gräber wollte man in eine "Soldatenhalle" überführen. Wegen des Zweiten Weltkriegs konnte diese Idee gottlob nicht verwirklicht werden. Es blieb der DDR vorbehalten, große Teile der Ruhestätte anlässlich des Mauerbaus zu zerstören. Entlang des Kanals wurde ein Todesstreifen angelegt, auf dem Postenweg sind heute Radfahrer unterwegs. Reste der Hinterlandmauer sind auf dem Friedhof erhalten.

Bei Grabungen nach der Wende wurden zufällig sechs spätbarocke Sarkophage entdeckt, die wahrscheinlich vor knapp 200 Jahren durch Überflutungen verschüttet worden waren. Dazu gehört das älteste auf dem Friedhof erhaltene Grabmal, der Sarkophag des mit sieben Jahren "seelig verstorbenen Fräuleins von Kottulinsky", die der "Kriesel-Kranckheit" (Tuberkulose) zum Opfer fiel. Zwei Puttenköpfe sind als Reliefs auf dem Sarkophag zu sehen, dazwischen wacht das von einem Strahlenkranz umgebenes Auge Gottes über die Tote. Was Gott tut, das ist wohl getan, verkündet dieser Text auf dem Grabmal: "Ein Kind guter Hoffnung, ihre Seele gefiel Gott wohl, darum eilte er mit ihr aus diesem bösen Leben, und versetzte sie frühzeitig, in die ewige Freude, und Seeligkeit".

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... Der Invalidenfriedhof ...
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Invalidenfriedhof

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Ein Amerikaner in Berlin