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Stadtbezirk: Mitte Bereich: Klosterstraße, Littenstraße, Waisenstraße Stadtplanaufruf: Berlin, Littenstraße Datum: 21.1.2008
Heute bin ich auf dem historischem Berliner Boden unterwegs. Zu der Zeit, als die Zwillingsstädte Berlin und Cölln nur über den Mühlendamm miteinander verbunden waren, war Berlin im Osten durch einen Spreearm begrenzt, der später zugeschüttet wurde. Die Littenstraße ist dieser ehemalige Spreearm, die letzten Überreste der mittelalterlichen Stadtmauer sind auf dem Streifen zwischen der Littenstraße und der parallel hierzu verlaufenden Waisenstraße zu sehen. Die Stadtmauer wurde später als Rückwand in die Gebäude einbezogen, nachdem sie in ihrer ursprünglichen Funktion nicht mehr gebraucht wurde.
Zwischen Littenstraße und Klosterstraße steht die Ruine der Klosterkirche, die einmal zum Grauen Kloster gehörte, benannt nach den grauen Kutten der hier wirkenden Franziskanermönche ("Wollstoff, dunkelgrau, verhüllt die Körper vom Kinn bis zu den Knöcheln"). Das Kloster wurde um 1250 errichtet, Stifter waren der Brandenburgische Markgraf Albrecht III und der Tempelritter Jacob von Nybede, der mit seiner Ziegelei am Tempelhofer Berg (Kreuzberg) die Klosterkirche als ersten Backsteinbau Berlins möglich machte.
Die Klosteranlage gehörte bis zur Zerstörung der Kirche im 2.Weltkrieg und dem Abriss der verbliebenen Klostergebäude während des "sozialistischen Stadtumbaus" der DDR zu den wichtigsten mittelalterlichen Bauwerken der Stadt.
Im Zuge der Reformation wurde das Kloster aufgelöst (säkularisiert), 1574 wurde eine Schule in der Hälfte der Klostergebäude eingerichtet (was in der anderen Hälfte geschah, werde ich ein anderes Mal berichten). Durch "Visitationen" der Kirchen hatten Brandenburgische Kurfürsten mehrfach herausgefunden, dass die Berliner Pfarrschulen Missstände aufwiesen und die Schüler mit Dienstleistungen für die Pfarrer bzw. die Pfarrei belastet waren, z.B. den Chorgesang bei Gottesdiensten, Beerdigungen usw. (Das hinderte Friedrich den Großen später nicht daran, die Schüler für den Chor seines neuen Opernhauses Unter den Linden dienstzuverpflichten).
Die Schule gab sich bereits bei der Eröffnung weltoffen und erstaunlich demokratisch, sie sollte auch "fremden ausländischen Knaben" und "Arm und Reich" zur Verfügung stehen. (Nur Mädchen mussten bis 1923 warten, bis auch sie hier lernen durften). Mittellose Schüler bekamen kostenlose Verpflegung und lebten in der Kommunität, einer Art Internat. Zu den berühmten Schülern des "Gymnasiums zum Grauen Kloster" gehörten Bismarck, Schinkel, Schadow und der Turnvater Jahn.
Für die Lehrer war die Schule zu Anfang ein Sprungbrett zu akademischen wissenschaftlichen Tätigkeiten oder besser bezahlten Pfarrstellen. Mit zunehmendem Ansehen wurde der Lehrkörper "internationaler". Der Unterricht wurde modernisiert, der ausufernde Privatunterricht der Lehrer abgeschafft. Die bis dahin übliche Versetzung in einzelnen Fächern wurde zugunsten eines Klassenverbundes aufgegeben. Prüfungen, Zeugnisse und das Abitur wurden eingeführt. Im 18.Jahrhundert standen auf dem Stundenplan Philosophie, Geschichte, Französisch, Englisch, Italienisch. Die Schule entwickelte sich zur angesehensten Bildungseinrichtung des Berliner Bürgertums.
Einhundert Jahre nach der Gründung des Gymnasiums wurde der Grundstock zu einer eigenen Bibliothek gelegt, die mehrfach durch Stiftungen und Erbschaften wesentlich erweitert werden konnte. Überhaupt waren Sponsoren und Mäzene viel mehr als dies heute üblich oder selbstverständlich ist, wesentlich an der Weiterentwicklung der Schule beteiligt. Man denke an das Sponsorentum in den USA, das einen Teil der bei uns staatlichen Aufgaben finanziert, weil die Bürger ganz selbstverständlich nicht nur an sich selbst sondern auch an die Gemeinschaft denken und dies bereits durch die Erziehung vorgegeben wird.
Die Bestände der Schulbibliothek, die den 2.Weltkrieg überdauert haben, sind jetzt in der Berliner Zentralbibliothek untergebracht. Kunstwerke aus der Klosterkirche wurden an andere Kirchen und an das Märkische Museum weiter gegeben.
Das Gymnasium wurde in der DDR zur "Erweiterten Oberschule", es verlor seinen historischen Namen und wurde 1982 ganz aufgelöst. Im Westen der Stadt übernahm das Evangelische Gymnasium Schmargendorf die Tradition und den Namen, so dass es seit 1963 als "Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster" besteht.
Vor der Klosterkirche stehen zwei Skulpturen, die man - hintergründigen Witz vorausgesetzt - auf das Gymnasium und seine Erziehung beziehen könnte: "Mutter und Kind", von Theo Balden 1965 geschaffen und "Pietà", Künstler unbekannt.
In dem nicht vom Gymnasium belegten Teil des Klosters lebte ab 1571 dank kurfürstlicher Gnade Leonhard Thurneysser, Alchimist, Astrologe, Arzt und Buchdrucker. Dieser Teil der Geschichte bleibt einem weiteren Bericht vorbehalten.
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