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Deutsch ist die Kamera



Stadtbezirk: Köpenick
Bereich: Alte Spree
Stadtplanaufruf: Berlin, Friedrichshagener Straße
Datum: 12. Januar 2009


Stolz sagt der Spandauer, er fährt "nach Berlin", wenn er in die Innenstadt unterwegs ist. Spandau bei Berlin, das ist historisch richtig. Köpenick könnte das genauso behaupten, hier ist man aber bescheidener.

In einer Senke zwischen den Höhenzügen Barnim im Norden und Teltow im Süden fließt die Spree durch das Urstromtal. Im Osten mündet die Dahme in die Spree. Hier befestigten die slawischen Spreewanen eine Insel. Aus ihrer Siedlung ist Köpenick entstanden. Im Westen mündet die Spree in die Havel. Die slawischen Heveller gründeten hier eine Ansiedlung, die später Spandau genannt wurde. In der Mitte zwischen Köpenick und Spandau, an der Kreuzung mit einem Handelsweg in Nord-Süd-Richtung entstanden Berlin und Cölln als Doppelstadt.

Köpenick feiert jetzt die 800 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung 1209. Spandau war 12 Jahre schneller, Berlin-Cölln kam erst 28 Jahre später in Dokumenten vor. Wenn ich von Mitte aus immer an der Spree entlang nach Köpenick fahre, folge ich dem historischen Handelsweg. Mein Ziel ist allerdings nicht die Altstadt von Köpenick, sondern das nördlich davon an der Alten Spree gelegene Industriegebiet. Diese Damm-Vorstadt kommt in dem 800-Jahre-Festprogramm nicht vor, und das ist auch nicht verwunderlich.

Früher hieß die Gegend hier "Vogel Draht- und Kabelwerke" oder "Paul Selchow Kalkbrennerei" oder "Glanzfilm AG", heute heißt sie toom Baumarkt oder Kaufland oder Hellweg Baumärkte. Die alten Fabrikstandorte an der Südseite der Friedrichshagener Straße sind zum größten Teil abgewickelt. Die historische Industriearchitektur ist marode, beschmiert, sie verkommt hinter ihren blinden oder eingeschlagenen Scheiben und den mit Plakaten zugekleisterten Mauern. Der einzige erhaltene Kalkofen Berlins wird von der Fischereigenossenschaft gepflegt, die das Gelände drum herum übernommen hat.

Die Kabelwerke Köpenick werden am 23.April 1945 Teil einer sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG), ihre Erträge dienen ab jetzt als Wiedergutmachungs- und Reparationszahlungen. Nach der Wende ziehen sie unter neuem Eigentümer in neu gebaute Hallen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Glanzfilm AG war schon 1927 von der Kodak übernommen worden. "Deutsch (ist) die Kamera" warb Kodak ab Mitte der dreißiger Jahre, um antiamerikanischen Ressentiments zu begegnen. Als "VEB Fotochemische Werke" lebte sie nach dem Krieg weiter. Nach der Wende hat sie sich mit neuen Inhabern ganz auf Röntgenfilme und ähnliche Medizinprodukte umgestellt.

Aber bestatten lassen kann man sich hier preiswert, für 499 Euro komplett bringt einen "Aarau-Bestattungen" unter die Erde. Man hätte die Firma auch Bestattungsdiscount nennen können, aber mit Aa steht man im Brachenbuch ganz vorne an prominenter Stelle.

Der Bahnhof (heutige S-Bahnhof) Köpenick liegt nördlich der Vorstadt weit außerhalb der Altstadt. Bereits 1882 hatte man deshalb mit einer Pferde-Eisenbahn die Verbindung hergestellt. 1903 übernahm die "Städtische Straßenbahn Cöpenick" ihren Betrieb Sie beförderte täglich zehntausende Arbeiter in die Industriestandorte, z.B. nach Oberschöneweide. Eine weitere Straßenbahnlinie führte (und führt) mit landschaftlich reizvollen Ausblicken an der Dahme entlang bis nach Schmöckwitz.

Aus dieser Zeit blieb an der Bahnhofstraße ein Gebäude erhalten, das für die Stromversorgung der Straßenbahn und als Wartehäuschen gebaut wurde. Historisierend, also angelehnt an früherer Baustile (hier Renaissance), ist es mit Kalksandstein im Erdgeschloss und Fachwerk im Obergeschoss ausgestaltet. Ein Treppenturm ist seitlich angebaut. Auch ein Pumpwerk desselben Architekten Hugo Kinzer in ähnlichem Stil steht oberhalb der Alten Spree.

Ein ehemaliger Heutrockenplatz und späterer Aufmarschplatz der DDR-Armee an der Alten Spree ist bis heute dem 23.April 1945 gewidmet, also jenem Tag, an dem die Russische Armee Köpenick einnahm. An der Straßenbahnhaltestelle Lindenstraße fällt die ehemalige Knabenschule ins Auge, die mit spätgotischen Formen spielt und - man ahnt es schon - ebenfalls von Kinzer entworfen wurde. Auf den Dachfenstern über der Aula sind spitze Helme aufgesetzt. Die schmale Seite um die Ecke herum zur Bahnhofstraße enthält zwei repräsentative Fenster mit Kielbögen (so als hätte man ein Schiffskiel auf den Kopf gestellt). Das Rektorengebäude hebt sich mit seinen zwei Geschossen und dem Fachwerk unter dem Dach optisch von der Schule ab, ist aber zusammen mit dem Hauptgebäude errichtet worden. So hat Kinzer mit mehreren Epochen "historisiert".

Köpenick bietet mit der Altstadt und Ortsteilen wie Kietz, Spindlersfeld, Schmöckwitz ein Ziel für weitere Stadtspaziergänge. In diesem Bewusstsein fahre ich nach Mitte zurück.

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Die schöne Weyde an der Spree
In Natureinsamkeit bei brausender Weltstadt