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Der Pleitegeier stiert aus jedem Fenster


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Stadtparkviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Stindestraße
Datum: 4. Juni 2018
Bericht Nr.: 622

Am östlichen Ende des Stadtparks teilen sich die Steglitzer Straßenzüge. Auf der Albrechtstraße geht es nach Lankwitz, der Steglitzer Damm führt nach Mariendorf. Zwischen diesen Verkehrswegen und weiter südlich bis zum späteren Teltowkanal wurde das Gelände seit 1878 von Gartenbaubetrieben genutzt. Es gab nur einzelne kleine Gehöfte, ab 1870 auch einzelne Wohnhäuser und Villen. Dann schob sich von der Schloßstraße her die Bebauung immer weiter nach Osten vor, aus den Gartenbauflächen wurden Baugrundstücke.

Vorwerk "Birkbusch" und Schäferei
Die Stadt hatte 1841 die Ländereien der Steglitzer Gutsherren an der Albrechtstraße gekauft, hier entstand die „Colonie Steglitz“. Zum Gutsbezirk gehörte auch das Vorwerk "Birkbusch" (ein vorgelagerter Gutshof) und eine Schäferei. Deren Gebäude - das heute im Stadtpark liegt - soll 1887 errichtet worden sein, ob da wirklich noch von der Stadt eine Schäferei betrieben wurde?

Es wirkt eher wie ein Wirtschaftsgebäude mit Unterstellmöglichkeiten für Pferdewagen, eingerahmt von zwei mächtigen Eckgebäuden mit Fachwerk- und Ziegelfassaden. Der Hof ist an zwei weiteren Seiten von Gebäudeflügeln umgeben. Ab 1906 wurde das Ensemble dann Teil des Stadtparks Steglitz, der als Landschaftspark angelegt wurde.


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Gärtnereien
An der Albrechtstraße Ecke Siemensstraße steht heute ein von Hinrich Baller gestaltetes Mietwohnhaus in seiner typischen Handschrift mit geschwungenen Linien und organisch wirkenden Formen. Hier wurde 1878 die Gärtnerei Lackner eingerichtet auf einer Fläche, die in ihrer Ausdehnung dem Monbijoupark in Mitte entspricht. Eine später auf dem ehemaligen Gartenbaugelände angelegte Parallelstraße trägt den Namen des Gärtnereibesitzers, Gemeindevorstehers und Königlichen Gartenbaudirektors Carl Gottfried Lackner.

In der Stindestraße stand zu dieser Zeit nur die Villa Haus Nr.2, die 1874 erbaut worden war und heute wie aus der Zeit gefallen wirkt. Ein anmutiges Gebäude aus Stein, Ziegel und Holz auf quadratischem Grundriss mit großem Dachüberstand, mit weiblichen Figuren auf angedeuteten Stützpfeilern geschmückt.


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Als 1902 der Teltowkanal angelegt wurde, erhöhte man die Straße mit dem Aushub um einen dreiviertel Meter. 1927 wurde die Gärtnerei abgeräumt und das Gelände mit 13 Wohnungen bebaut.

An seiner Nordecke weicht der Stadtpark an einem Hochhaus zurück. Hier entstand 1883 der Gartenbaubetrieb J.C. Schmidt, in dessen Treibhäusern unter anderem Rosen gezüchtet wurden. 37 Meter lang und 25 Meter breit waren die acht Rosen-Häuser, die unterschiedlich temperiert werden konnten. Im Sommer konnten die Fenster abgenommen werden. In den Gewächshäusern wurden pro Saison mehr als 6.000 Rosen gezüchtet.

Das Gartenbaugelände von J.C. Schmidt reichte bis zur Halskestraße. An der Nordseite (Karl-Stieler-Straße) wurde 1909 mit dem Bau einer Gemeindeschule begonnen. Die Gärtnerei wurde 1911 abgeräumt und das Grundstück mit viergeschossigen Mietshäusern bebaut. Ein Jahr später wurde der Markusplatz angelegt an der gerade erbauten Markuskirche.

Die Gärtnereien boten Blumen, Gemüsepflanzen, Farne, Sträucher, Palmen, Orchideen an zum Verkauf vor Ort und zum Versand. Selbst Tafeltrauben wurden im Berliner Vorort Steglitz in Gewächshäusern gezüchtet, südlich des Teltowkanals gab es eine "Gewächshausanlage zur Weinkultur".

Wohnbebauung
Der Bahnhof Steglitz war 1839 als Haltepunkt eingerichtet worden. Dadurch war es möglich, das Gebiet um die Albrecht- und Birkbuschstraße zu parzellieren und die "Colonie Steglitz" anzulegen. Als die Bebauung immer weiter Richtung Osten vorrückte, wurden die Gartenbaubetriebe verdrängt. Nach 1900 setzte der Bau von Miethäusern ein, der im Laufe weniger Jahre zu einem überhitzten Bauboom wurde. Nördlich des Steglitzer Damms, in der Villenkolonie Südende, war bereits 1873 beim "Gründerkrach" - der ersten großen Wirtschaftskrise nach der Reichsgründung 1871 - die Blase der boomenden Bauwirtschaft und Bodenspekulation zerplatzt.

Hier im Stadtparkviertel geschah dasselbe ab 1910. Unseriöse Banken hatten über den aktuellen Wert hinaus Grundstückskredite vergeben und hierfür nachrangige Hypotheken im Grundbuch eintragen lassen. Sie spekulierten auf weitere Wertsteigerungen. Kam es vorher zur Zwangsversteigerung, dann reichte der erzielte Preis nicht, um diese Kredite zurückzuzahlen. Steglitz war in ganz Berlin verrufen, es wurde zum Inbegriff eines "Hypothekenfriedhofs". Der schlechte Ruf führte fast zum Erliegen der Bautätigkeit, im Gemeindeetat fehlten die Einkommens- und Grundsteuern. Sie drängte die Terraingesellschaften zum Bau großer Wohnungen und versuchte andererseits, den "Bauschwindel" durch Verfolgung "unzuverlässiger" Bauunternehmer zu bekämpfen. Hierfür wurde sogar eine neue Planstelle geschaffen.

Um die bisher steuerfreie Wertsteigerung von Grundstücken zu erfassen, führte Steglitz wie andere Gemeinden Preußens eine Wertzuwachssteuer ein. Im Vorfeld heizte das die Bodenspekulation zusätzlich an. Wegen des "Bauschwindels" gingen nicht bezahlte Bauhandwerker pleite, Konkursverwalter mussten die Bauten verwerten. "Der Pleitegeier stiert den Besucher aus jedem Fenster an", hieß es bei der Handwerkskammer. Durch den Ersten Weltkrieg kam die Bautätigkeit dann zum Erliegen.

Albrechtspark
Zwischen Albrechtstraße und Liliencronstraße wurde 1910 eine Wohnanlage erbaut, die an einer Stichstraße von der Albrechtstraße liegt und einen Durchgang zur Liliencronstraße hat. Die Bezeichnung Park ist irreführend (kleiner Scherz: wenn man von den Parkplätzen zwischen den Häusern absieht), lediglich die Vorgärten haben etwas Stadtgrün. Es handelt sich um einen erweiterten Innenhof als halböffentliche Verkehrsfläche (Privatstraße). Eine ähnliche - an beiden Enden offene - Passage zwischen Häuserblöcken ist der Viktoriapark zwischen Zimmermannstraße und Ahornstraße, westlich des Rathauses Steglitz.

Nach Süden setzt sich die Stichstraße über die Albrechtstraße hinaus fort als tiefer Zugang zu einem Fachwerkhaus, das hier seit 1873 steht und von Maurermeister Fritze erbaut wurde.

Gemeindeschule am Markusplatz
Überwiegend waren es Bürger aus dem Mittelstand, die sich in Steglitz ansiedelten. Bildungseinrichtungen mussten geschaffen werden. Um 1900 waren 3 Gymnasien, 1 Realschule, 6 Gemeindeschulen und 3 Mädchenschulen im Ort vorhanden. Am Markusplatz erbaute der Gemeindebaumeister Hans Heinrich Müller 1909 eine Gemeinde-Doppelschule.

Es ist ein weiß verputzter Bau, teilweise mit Rundbogenfenstern und mit abwechslungsreichen Mosaikfeldern unterhalb der Brüstungen. Die steinernen Skulpturen an den Aufgängen sind beschädigt, sie wurden bei der gerade abgeschlossenen Restaurierung nicht wieder hergestellt. Vielleicht weil das Geld nicht reichte, denn die Klassenräume mussten die Eltern und Schüler selbst wieder auf Vordermann bringen.


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Eine Gedenktafel an der Schule weist auf ein Verbrechen in den letzten Kriegstagen 1945 hin. Eine NSDAP-Ortsgruppe hatte die Schule besetzt und in einer Vernichtungsaktion 11 Menschen hingerichtet. Die zunächst auf dem Schulhof verscharrten Opfer sind später auf dem Steglitzer Friedhof beerdigt worden.

Der Architekt der Schule, Hans Heinrich Müller, hat später in den 1920er Jahren als Bewag-Hausarchitekt stadtweit vierzig Bauten der Elektrizitätsversorgung geschaffen. Darunter sind zehn Abspannwerke, die heute überwiegend nach Umbau neu genutzt werden, nachdem sie nicht mehr für ihren ursprüngliche Zweck gebraucht wurden. Die Schule als Frühwerk Müllers unterscheidet sich total von den Elektrobauten, die in Backstein ausgeführt sind und mit schmalen gebäudehohen Fensterachsen sachliche oder expressionistisch aufgeladene Fassaden zeigen.

Edenkobener Steg über den Teltowkanal
"Auf der Albrechtstraße geht es weiter nach Lankwitz", habe ich oben geschrieben. Darauf sollte man sich als Autofahrer nicht verlassen und vorher in die Siemensstraße abbiegen, denn nur der Fußgänger oder Radfahrer kann am Ende der Albrechtstraße den Steg über den Teltowkanal passieren. Der 37 km lange Teltowkanal wurde um 1900 als Verbindung der Dahme mit der Havel gebaut. Anfangs- und Endpunkt sind die Glienicker Lake bei Potsdam und die Dahme bei Grünau.

Der Kanal fließt rund sieben Meter unterhalb des Stegs. Eine Treppe führt auf den Uferweg hinab, von dem aus früher Schiffe getreidelt (gezogen) wurden. Die Brücke ist ein Leinpfadsteg, Leinpfad ist eine alte Bezeichnung für den Treidelpfad.

Anstatt zu treideln lassen wir uns entlang der Anhalter Bahn zum Bahnhof Südende leiten. Am Nachmittag dieses sommerheißen Frühlingstags ruhen wir die müden Füße an einem Café aus und beobachten den Straßenverkehr auf dem Steglitzer Damm.

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Unsere Route:
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Schmückende Grabfiguren sind untersagt