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Alt Lichtenrade

Stadtbezirk: Tempelhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt Lichtenrade
Datum: 3.April 2000

Die Bundesstraße 96 führt im Süden aus Berlin heraus. Aus den Verbindungswegen zwischen den einzelnen Orten war nach 1830 die Staatschaussee Berlin-Cottbus entstanden. Die Pferde wurden auf dem Weg von Berlin nach Zossen nur in Lichtenrade gewechselt, deshalb siedelten sich hier neben der vorhandenen Landwirtschaft, Schmiede und Ziegelei jetzt auch weitere Handwerksbetriebe und Gewerbetreibende an.

Als 1875 die Bahn die Transportfunktion übernahm, haben die Lichtenrader zuerst die Zeichen der Zeit nicht erkannt und erst 1883 für eine Haltestelle auf der Vorortstrecke nach Zossen gesorgt. Damit wurde Lichtenrade dann zunächst zu einem Ausflugsziel der Berliner, später kauften sie auch Grundstücke (Parzellen) und errichten zunächst Lauben,. später Villen, Landhäuser und Mietshäuser. Industrie gab es hier nicht, aber Sanatorien (darunter eine "Irrenanstalt", die aber dem Berliner Volksmund verborgen geblieben sein muss, der sonst gern deftig auf solche Themen reagiert).

Das Dorf liegt in Nord-Süd-Ausdehnung östlich der alten Staatschaussee, die heute den Durchgangsverkehr in das Berliner Umland leitet und wegen der Fahrzeugdichte von einem Fußgänger manchmal minutenlang nicht überquert werden kann. Die Straße Alt Lichtenrade führt parallel zur Staatschaussee um den Dorfanger herum. Mittelpunkt ist der alte Dorfteich, der eine erhebliche Größe hat. Ein Schild warnt auch jetzt im Frühling vor dem Betreten der Eisfläche. Eine weitere Parallelstraße hierzu ist "verkehrsberuhigt", sprich durch teilweise Umwidmung zu Gartenland unpassierbar gemacht worden.

Nördlich des Teichs steht die Dorfkirche, die ihren markanten eckigen Turm erst nach 1900 erhalten haben soll (langsam gewöhne ich mich daran, wegen der Missverständlichkeit im angebrochenen Jahr 2000 nicht mehr von der "Jahrhundertwende" zu sprechen). Mir fällt auf, dass die Kirche rundherum unmittelbar von alten Gräbern umgeben ist, die wie Perlen an der Schnur angeordnet sind. Hier liegt der "Bauernhofbesitzer" neben der zu früh dahingegangenen "Jungfrau", die Beerdigungen erfolgten meist bis kurz nach 1900, nur seltenen Fällen auch erheblich später.

Zwei Kindertagesstätten liegen nahe beieinander, seine städtische und eine kirchliche. Die eine Kita findet sich im Erdgeschoss des 1909 erbauten zweistöckigen quadratischen Feuerwehrhauses, das im ersten Stock mehrere Klassenzimmer enthält, weil es damals zugleich als Erweiterungsbau der Schule errichtet wurde. An diesen Fachwerks-Feuerwehrbau angebaut ist ein bis zur Unkenntlichkeit modernisiertes Jahrhundertwendehaus, heute von oben bis unten mit Fliesenriemchen verkleidet. Das Lokal "Zur Feuerwehr" hat hier sein Domizil.

Leider ist es hier wie an anderen alten Häusern im Lichtenrader Kiez, dass Backsteine oder andere alte Fassaden mit künstlichen Fassadenplatten verkleidet sind, die chic und abwaschbar sind und leider nicht so schnell vergehen werden wie der Putz, der an anderen Backsteinbauten über die Steine geschmiert worden ist. Wohl selten einmal gibt es wie hier in Lichtenrade bei einer Zahl erhaltener Altbauten fast an jedem alten Haus eine Entstellung zu bedauern, seien es Anbauten, Dachfenster, Fensterladen oder Fassaden, die den alten Charakter des Hauses entstellen, wenn nicht verhöhnen Diese aus alten Zeiten stammenden Häuser stehen meist nicht nebeneinander oder - als Ställe und Scheunen - hintereinander, sondern sind durchsetzt mit Neubauten aus unterschiedlichen späteren Epochen. Vielleicht war es deshalb möglich, sich von dem historischen Eindruck so sehr zu entfernen, weil sowieso Brüche von Haus zu Haus auftreten.

Die nach meiner Anschauung typische "Lichtenrader Mischung", ein Flickenteppich von Bauten, die charakterlos aneinander gereiht sind, scheint hier an der Dorfaue wieder aufs Neue bestätigt zu sein. Weitere Beispiele: eine Tanne verwehrt den Eintritt vor einer hochherrschaftlichen Treppe, auf dem Treppenpodest steht ein Pflanzkübel aus Beton.
Der in meiner 10 Jahre alten Karte eingezeichnete "Volkspark Lichtenrade" wirkt bei der Annäherung wie ein verlassenes Baufeld mit Erdhügeln und Unkraut. Mein neuester Stadtatlas weist hier gar keinen Park mehr aus. Erst beim Begehen stellt sich heraus, dass die mit Waschbetonplatten nicht sehr stilvoll ausgestalteten Wege einen kleinen Grüngürtel umfassen, in dem viele Vogelstimmen zu hören sind und der von der Jugend offensichtlich als Treffpunkt angenommen worden ist. In diesem Frühling gab es noch nicht viele Sonnentage, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auf jeder kleinen Grünfläche die Sonnenanbeter treffen.

Am Ende des Volksparks ist ein größerer Hügel aufgeschüttet, der im Winter bestimmt als Rodelbahn benutzt wird. Der Lärm der Kinder, die mit ihren Schlitten anstehen und dann abwärts fahren liegt auch heute noch in der Luft, man glaubt ihre Mützen und Handschuhe und Schals zu sehen.

Der Grüngürtel wird eingerahmt von Einfamilienhäuser und gedrungenen Mehrfamilienhäusern, so dass wir von unserem "Feldherrenhügel" aus auf das alte Dorf, aber auch auf die hinter dem Lichtenrader Damm stehenden Hochhäuser blicken können. Hier sehen wir die Sonne als roten Ball am Himmel stehen. Trotz der Hochhäuser wirkt das alles nicht wirklich wie Großstadt, eher wie ein Spiel, in dem man zusammen passende Teile zusammenpuzzelt und die übrigen aussortieren muss.

Nördlich von Lichtenrade finden wir an der Staatschaussee ein italienische Lokal, in dem wir unsere heutige Wanderung beschließen.




Alt Marienfelde
Lichtenrade