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Asyl an der Panke



Stadtbezirk: Wedding
Stadtplanaufruf: Berlin, Gottschedstraße
Datum: 29. Mai 2007

In kühnem Schwung fließt die Panke im Wedding durch manche von Mauerwerk eingefasste Kurve. Dem Flüsschen begegnen wir eher zufällig, das Rotaprintgelände an der Gottschedstraße ist unser Ziel, aber später folgen wir unserer Zufallsbekanntschaft Panke doch noch ein Stück.

Rotaprint war einmal DER Begriff für Vervielfältigung von Texten im Büro, aber die technische Entwicklung war auch hier unbarmherzig, 1989 wurde Rotaprint insolvent. Dass hier ein architektonisches Kleinod steht, wurde erst bewusst, als die Gebäude marode und verlassen in Tiefschlaf gefallen war. Klaus Kirsten, ein Architekt, der im Hansaviertel zwei Einfamilienhäuser gebaut hat (hier schließt sich der Bogen zu unserem Stadtspaziergang vor einer Woche), entwarf für Rotaprint 1957 massive Stahlbetonbauten, die aus Kostengründen unverputzt blieben und das Muster der Betonverschalung als Gestaltungselement einsetzten (Sichtbeton oder Beton-brut-Architektur, 1894 erstmals an einem Kirchengebäude in Frankreich ausprobiert). Der Baukörper besteht aus Kuben, die zum Teil gegeneinander gedreht sind oder in Fluchtlinien aus dem Gesamtgebäude zu streben scheinen.

Eine Künstlergruppe entdeckte den leerstehenden Bau, mietete sich dort ein und engagierte sich für die Erhaltung des inzwischen denkmalgeschützten Gebäudes. Eigentümer des Firmengelände an der Reinickendorfer Straße war inzwischen der Berliner Liegenschaftsfonds, der ein "Paket schnürte" zusammen mit anderen Grundstücken, für das Paket aber nicht genug geboten bekam. Inzwischen soll das Rotaprint-Grundstück wieder an das Bezirksamt zurückübertragen werden, um die weitere Nutzung für die kreativen Mieter zu sichern. Vorher hatte man schon einen Randbereich des Grundstücks an Lidl verkauft, und so kam es, dass bei einem der denkmalgeschützten Gebäude ein Fenster zugemauert werden musste und das Erdgeschoss hinter einer der stadtbekannt architektonisch anspruchslosen Lidl-Hallen verschwand.

An der Pankstraße fließt die Panke an der Herbert-Hoover-Realschule vorbei, die durch einen eigenen Integrationsansatz für Migrantenkinder bekannt geworden ist: die "Deutschpflicht" auf dem Schulhof, mit der Araber, Serben, Türken und andere Nationalitäten verpflichtet werden, nicht ihre jeweilige Sprache, sondern Deutsch zu sprechen. Damit werden Ausgrenzungen vermieden, die Kommunikation geht über die Sprache, Gewalt wurde zurückgedrängt. Es sind natürlich auch die begleitenden Unterrichtsmaßnahmen der Schule, die zu diesem Erfolg geführt haben: Die Stundenanzahl für den Deutschunterricht wurde um 50 Prozent erhöht (6 statt 4 Stunden), die Klassenfrequenz für dieses Fach von 26 auf 17 Schüler vermindert. Integration ist nicht nur eine Frage des Geldes, aber gezielt eingesetzt bringt es sie voran, ein wichtiges Ergebnis bei den immer weitergehenden Einsparungen. Gut, dass der Schule der Deutsche Nationalpreis verliehen wurde und damit auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht wurde.

Auf unserem weiteren Weg entlang der Panke entdecken wir an einem Uferweg, der sich verdienstvoll selbst durch alte Fabrikgebäude und unter der ICE-Ausbaustrecke hinweg seinen Weg sucht, ein 1896 errichtetes Gebäude des Berliner-Asyl-Vereins, die "Wiesenburg". Der Berliner Asyl-Verein ist ein Beispiel dafür, dass sich Menschen in herausgehobener Stellung gesellschaftspolitisch verantwortlich fühlen und hiernach auch handeln, Mitglieder waren z.B. August Borsig, Carl Bolle, Rudolf Virchow, Georg von Bunsen. Der Verein betrachtete Personen, die über keinen Wohnraum verfügen, nicht als Gestrandete, sondern als Menschen in einer nahezu ausweglosen Notlage. Sie gehörten nicht ins Polizeigewahrsam, sondern in ein Asyl, "das die Unglücklichen liebevoll beherbergen soll". Von Wohnungsproblemen waren damals sehr viele Menschen betroffen. In der Zeit um 1870 zogen Tausende vom Land nach Berlin, um hier Arbeit zu finden. Es gab nicht genug Wohnungen. Wer doch eine Wohnung fand und seine Arbeit verlor und dann die Miete nicht mehr bezahlen konnte, saß ganz schnell wieder auf der Straße.

1869 gegründet, richtete der Verein an der Neuen Wilhelm- Ecke Dorotheenstraße ein erstes provisorisches Asyl für Mädchen und Frauen ein, bevor er mit dem Bau an der Wiesenstraße Platz für 700 obdachlose Männer und 400 obdachlose Frauen schuf. Berühmte Obdachlose, die in der Wiesenburg unterkamen, waren der Schuster Wilhelm Voigt ("Hauptmann von Köpenick") und der Schriftsteller Hans Fallada, der diese Zeit in seinem Roman: "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" verarbeitete.

Beginnend mit dem 1.Weltkrieg veränderte sich aus finanziellen Gründen nach und nach die Nutzung des Gebäudes, ab 1914 eine Armee-Konservenfabrik, ab Mitte 1935 "Nationale deutsche Flugmotoren-Vergaserfabrik", ab 1940 Metallgießerei von Moabit. Heute sind in dem Gebäude, das noch Zeichen der Kriegszerstörung aufweist, Handwerksbetriebe und Künstler untergebracht. Im Film kann man die Kulisse in Tatorten sehen, auch die "Blechtrommel" wurde hier gedreht.

Unser Rundgang endet am Nettelbeckplatz zu Füßen der Plastik "Tanz auf dem Vulkan" von Ludmila Seefried-Matejkova, einer tschechischen, in Berlin lebenden Künstlerin. In einem Lokal, das früher Jugoslawische Küche angeboten hätte, gibt es dieselben Gerichte unter dem Namens eines der Nachfolgestaaten auf dem Balkan. Dies ist die Gelegenheit, endlich nach Jahren wieder eine Pola-Pola-Platte zu essen und zu genießen.

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