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Kathedrale der Arbeit, Tempel der Produktion




Stadtbezirk: Moabit
Bereich: Martinikenfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Wiebestraße
Datum: 1. September 2008

Martinikenfelde ist ein nicht mehr gebräuchlicher Name für den westlichen Teil Moabits, der von 3 Wasserstraßen umgeben ist (Spree, Westhafenkanal, Charlottenburger Verbindungskanal) und bis zur Beusselstraße reicht. Ein französischer Kolonist namens Martin, der wegen seiner kleinen Statur "Martiniken" genannt wurde, gab erst seinem Wirtshaus und dann der ganzen Gegend seinen Namen. Die heutige Kaiserin-Augusta-Allee trug Mitte des 19. Jahrhunderts noch den Namen Auf dem Martiniquenfelde.

Dieser Ortsteil war ab 1900 das größte innerstädtische Industriegebiet Berlins. Es begann mit dem Nähmaschinenhersteller Ludwig Loewe, der ab 1872 hier Waffen für das Deutsche Reich produzierte. Sein Name verbindet sich mit Mauser-, Borchardt- und Luger(-Parabellum-)Pistolen --> (1). In einem Joint-Venture mit einem amerikanischen Unternehmen und Thyssen wurden Straßenbahnen produziert, bis die AEG 1904 dieses Gemeinschaftsunternehmen schluckte. Auf dem Gelände an der Huttenstraße ließ die AEG dann eine Turbinenhalle errichten,

Walter Rathenau, der Sohn des AEG-Gründers, berief den Architekten, Designer, Maler und Grafiker Peter Behrens zum künstlerischen Berater der AEG, der nicht nur für die Architektur, sondern auch für das Produktdesign und für das gesamte Erscheinungsbild des Unternehmens (heute sagt man "Corporate Identity") verantwortlich war. Behrens schuf hier eine "Kathedrale der Arbeit", in der heute noch dasselbe Produkt hergestellt wird wie bei seiner Inbetriebnahme 1909: Siemens produziert hier Gasturbinen, viele Mitarbeiter sind in zweiter oder dritter Generation hier beschäftigt --> (2).

Mit Stahl, Glas und Stein schuf Behrens eine Fabrikhalle in klaren Linien ohne jeden Zierrat. Vor der unverkleideten Glasfassade erheben sich 22 Stahlträger (Binder), die das Dach tragen, und an der Stirnseite der Halle mächtige Eckpfeiler (Pylone), die den Giebel stützen . Doch die Fassade zeigt mehr als die nackte Konstruktion, die Pylone haben keine tragende Funktion, sie sind konstruktiv überflüssig, ja sie erwecken sogar den unzutreffenden Eindruck einer Betonkonstruktion. Der an der Hallenkonstruktion beteiligte Walter Gropius warf Behrens deshalb gestalterische Unehrlichkeit vor, aber Behrens wollte eine künstlerische Aussage über die reine Konstruktion hinaus erreichen und schuf so in expressiver Übersteigerung eine tempelartige Gebäudeform. So ist es verständlich, dass der Flaneur Franz Hessel von einem "Tempel der Produktion", einer "Kirche der Präzision" schwärmt, und diese Fabrikhalle als Inbegriff des Berliner Wesens preist, denn Berliner Schönheit zeigt sich für ihn dort, wo die Stadt arbeitet.

An der Berlichingenstraße Ecke Sickingenstraße schließt sich das Gelände der AEG-Glühlampenfabrik an. Es wurde nicht von Behrens, sondern von anderen AEG-Hausarchitekten entworfen. Ab 1920 wurde es zur Osram-Glühlampenfabrik, ab 1930 stellte Telefunken hier Elektronenröhren her. Der problematische Übergang zur heutigen Dienstleistungsgesellschaft verkörpert der jetzige Nutzer des Gebäudes: das Job-Center Berlin-Mitte der Agentur für Arbeit.

In den ersten Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Wohnhäuser des Beusselkiezes und der Hutteninsel gebaut. Die meisten Arbeiter der AEG oder auch der anderen Werke wohnten hier. Damit entstand rund um den Industriestandort ein Arbeiterviertel mit Mietskasernen. Die "Reformanlage" in der Sickingenstr. 7-8, von Alfred Messel für den Berliner Spar- und Bauverein gebaut, ist eine seltene Alternative: der Innenhof geräumig und hell, Wohnungen mit Innentoilette, Heizung und Balkon, Gemeinschaftsräume wie Baderaum und Bibliothek.

Von der Fabrik Ludwig Loewe, die aus pavillonartigen Backsteinbauten bestand, ist an der Huttenstraße auf dem Siemensgelände ein chrakteristischer Bau mit zwei Ecktürmen erhalten geblieben. Auf der gegenüberliegenden Seite der Huttenstraße, an der Wiebestraße, werden die Ludwig-Loewe-Höfe heute als Gewerbehof genutzt, ein repräsentativer Saal steht für Events zur Verfügung. In der Hauseinfahrt ist ein Löwe stolz als hervortretendes Muster aus dem Backstein ausgearbeitet.

In der Sickingenstraße an der Wiebestraße wurde um 1900 das größte Straßenbahndepot Europas errichtet. Täglich fuhren in Berlin 900 000 Menschen mit der Straßenbahn, entsprechend groß war die Abstellanlage: auf 22 Gleisen konnten rund 300 Waggons untergebracht werden. Nach der Einstellung der Straßenbahn in West-Berlin 1964 verfiel der Bau, erst im Mai 1993 wurde er wieder hergestellt und zur Oldtimer-Welt umgestaltet. Das "Meilenwerk" als "Forum für Fahrkultur" präsentiert hier von einer Galerie entlang der Halle interessante Aus- und Einblicke auf eine nostalgische Automobilwelt. Werkstätten für die Oldtimer und Motorräder, Oldtimer-Vermietungen, ein Restaurant wurden integriert. Ob man es als Eventbereich nutzt oder als kostenloses Oldtimer-Museum: Wer Spaß hat an alten Autos, an Rolls Royce oder Bentley, an BMW oder Ford, an Porsche oder Volvo, an Fiat 500 oder Messerschmidt-Kabinenroller oder am VW-Käfer-Cabrio mit Weißwandreifen, der kann hier glänzende Augen bekommen. Die alte Schrift über den Toren "Achtung Gefahr, Torpfeiler" kann für Autos genauso wie für Straßenbahnen gelten.

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(1) Der Waffenname "Parabellum" wurde von dem lateinischen Ausspruch abgeleitet: Si vis Pacem, para Bellum ("Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf Krieg vor"). Mit humanistischer Bildung stirbt es sich wohl besser!

(2) Siemens hat gerade eine Erweiterung der Turbinenhalle um 3.000 qm und die Einstellung von 200 Mitarbeitern bekannt gegeben, um die Turbinenproduktion auszuweiten. Planung für 2009: jede Woche eine Turbine (Tagesspiegel vom 16.09.2008). Damit wird auch der Ausbau der Wasserstraßen neu disktutiert werden: Die Turbinen mit einem Gewicht von rund 500 Tonnen können nicht mehr auf der Straße transportiert werden (die Tragfähigkeit der meisten Brücken reicht nicht aus), sondern müssen in mehreren Teilen zum Westhafen gebracht und dort montiert werden. ein umständlicher und unwirtschaftlicher Transportweg bei einer Serienproduktion,

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Moabit im Dunklen
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