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Putten verlegen Kabel und telefonieren


Stadtteil: Mitte
Bereich: Friedrichstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Charlottenstraße
Datum: 28. + 29. April 2018
Bericht Nr.: 619

Beim Flanieren bleiben uns die Innenräume denkmalgeschützter Häuser meist verborgen. Manche Einblicke kann man am jährlichen Denkmaltag nachholen. Überraschend bot auch das - der Kunst gewidmete - Gallery-Weekend Einsicht in Bauten, die sonst nicht zugänglich sind. Auf meinem Weg lagen das Haupt-Telegraphen-Amt mit dem Großen Apparatesaal, das Galgenhaus in der Brüderstraße, ein Umformwerk des Bewag-Architekten Hans-Heinrich Müller und ein Konfektions-Kaufhaus an der Leipziger Straße. Die ausgestellten Kunstwerke - mein eigentliches Ziel - kann ich hier wegen des Urheberrechts natürlich nicht zeigen.

Großer Apparatesaal im Haupt-Telegraphen-Amt
Putten verlegen Erdkabel, Putten versenken Überseekabel, Putten stellen Telegraphenmasten auf, Putten telefonieren und sie bedienen die Rohrpost. Sie halten den technischen Fortschritt in den Händen, deshalb sind alle Putten männlich, dem damaligen Zeitgeist entsprechend. Der Figurenfries am Telekomgebäude in der Jägerstraße weist auf die ursprüngliche Nutzung als Haupt-Telegraphen-Amt hin.


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In dem von Carl Swatlo entworfenen Bau ähnlich einem venezianischen Renaissancepalast wurde 1878 der Große Apparatesaal eingeweiht. Der Saal sollte nicht nur funktional sein, sondern auch architektonisch ambitioniert ausgeführt werden, es war ein Leuchtturmprojekt. Deshalb wurden Leitungen erstmalig im Fußboden geführt, der aufnehmbar konstruiert werden musste, um Kabel ergänzen und reparieren zu können. Der Saal wurde von einem doppelten Oberlicht belichtet, so dass Schwitzwasser verhindert wurde, um die Maschinen zu schützen. Die zunächst eingeführte Gasbeleuchtung wurde wegen der Erwärmung der Luft bald durch elektrische Beleuchtung ersetzt. Bis zum Anschluss an das öffentliche Stromnetz stellte das Telegraphenamt den Strom mit Dampfmaschinen und Dynamomaschinen selbst her.

Gusseiserne Säulen trennten im Apparatesaal die Umgänge von dem Arbeitsbereich ab. Neben ihrer Stützfunktion waren sie gleichzeitig Entwässerungsrohre. 39 furnierte Arbeitstische waren mit Morseapparaten ausgestattet und mit Typendruckern, mit denen Telegramme im Klartext ausgedruckt werden konnten. Da die Typendrucker den Boden in Schwingungen versetzten, wurden ihre Apparatetische durch den Fußboden hindurch mit dem Mauerwerk verbunden. Die Lautstärke der Typendrucker blieb ein Problem.

Neben dem Telegramm-Dienst begannen auch die Vermittlung von Telefongesprächen und die Rohrpost in diesem Postgebäude. Mit zwei "Bell"-Telefonen, die die Londoner Kollegen dem Generalpostmeister Heinrich von Stephan geschenkt hatten, wurden 1877 erste Sprechversuche gemacht und dann der Telefondienst mit eigenen Apparaten zügig eingerichtet. Zehn Jahre später wurde der bisher nur zwischen Post-Telegraphenämtern vermittelnde Dienst zum Stadtfernsprechamt ausgeweitet. Berlin verfügte 1894 über die meisten Telefonanschlüsse der Welt.

Zu Anfang gehörte das linke Grundstück Jägerstraße 42 nicht zum Baukomplex. Das Kaufangebot des Eigentümers über 180.000 Mark lehnte die Post wegen fehlenden Bedürfnisses ab. Als sie es dann 1886 tatsächlich kaufte, musste sie 600.000 Mark dafür bezahlen. Die Telegraphie und Telefonie entwickelten sich so rasant, dass dann 1916 bereits ein Neubau in der Oranienburger Straße gebraucht wurde, der heute in Freibergers "Forum Museumsinsel"-Projekt einbezogen ist.

Bei den anfangs erwähnten Putten befindet sich auch eine Darstellung der "Angabe der Mittagszeit durch den Zeitball". Der Zeitball wurde für die Seefahrt gebraucht. An erhöhter, weithin sichtbarer Stelle angebracht, diente er den Seeleuten dazu, die Schiffschronometer abzugleichen, um den Längengrad der Schiffsposition auf See exakt zu bestimmen. Die Zeitbälle standen in Verbindung mit Sternwarten und wurden um 12 Uhr unserer Zeit (GMT -1) elektrisch ausgelöst. Fünf Minuten vor dem Auslösen wurde der Ball in zwei Etappen auf der senkrechten Führungsstange nach oben gezogen, um dann -Achtung! - zur passenden Sekunde herabzufallen.

Für Landratten gab es ab 1909 das telefonische Zeitsignal, später konnte man das "Fräulein vom Amt" fragen, das die Zeit von einer großen Wanduhr ablas. Die "Fräuleins" durften vertragsgemäß nicht verheiratet sein, ein Flirt neben der Zeitansage wurde aber meist unterbunden. Ab 1937 wurden sie durch die "Eiserne Jungfrau“ ersetzt, eine Computerstimme, die nach mehreren Modernisierungen zuletzt im Westnetz unter der Rufnummer 119 monoton, aber endlos wiederkehrend verkündete "beim nächsten Ton ist es x Uhr und y Minuten" - piep. Das brachte der Bundespost 50 Mio. DM im Jahr, es war die meistgewählte Telefonnummer.

Galgenhaus in der Brüderstraße
Das Gebäude in der Brüderstraße 10 wurde zeitweise vom Stadtmuseum genutzt, jetzt stellt hier eine private Galerie aus. Das Haus wurde 1688 errichtet und ist eines von zwei noch erhaltenen barocken Bürgerhäusern. Im Innern beeindruckt die Holztreppe, die sich im offenen Raum nach oben schwingt. Im Erdgeschoss sind Stuckdecken mit Deckengemälden erhalten. Der Garten hinter dem Haus ist eine grüne Idylle mitten im ältesten Zentrum von Berlin.


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Vor dem Haus wurde 1735 ein Galgen aufgerichtet, um ein Hausmädchen zu hängen, das angeblich einen - heute sprichwörtlichen - silbernen Löffel gestohlen hatte. Der Soldatenkönig hatte diese mittelalterlich anmutende Strafe eingeführt wegen der überhand nehmenden Diebstähle in Haushalten. Es war ein schauerliches Fehlurteil, denn später wurde eine am Haus gehaltene Ziege als "Dieb" ausgemacht. Menschenmengen drängten sich in Sensationsgier vor dem Haus, das im Volksmund nur noch "Galgenhaus" genannt wurde.

Umformwerk Neue Grünstraße
Der Architekt Franz Schwechten hatte 1905 in der Alten Jakobstraße 91 für die Bewag ein Umspannwerk errichtet, das den von den Kraftwerken gelieferten Hochspannungs-Strom in Haushaltsstrom umformte. Der Bauzeit entsprechend erhielt der Bau eine historisierende Backsteinfassade, die durch Pfeiler gegliedert und mit Brüstungsfeldern versehen ist. Rückseitig zur Neuen Grünstraße 12 ergänzte der Bewag-Architekt Hans-Heinrich Müller die Anlage 1925 um einen weiteren Bau mit schlichter Backsteinfassade, in die gebäudehohe schlanke Fensterbänder eingeschnitten sind. In der für Müller typischen Betonung des Dachgesimses wird die Fassade durch einen Staffelgiebel nach oben abgeschlossen. Das Gebäude ist kein komplettes Abspannwerk mit einer Schaltwarte als Kommandozentrale. Es ergänzt lediglich weitere Maschinen und Akkumulatoren zu dem Schwechten‘schen Bau.

Eine Galerie hat das entkernte Gebäude in der Neuen Grünstraße übernommen und zeigt als Pre-Opening den Bau - sparsam mit Kunstwerken ausgestattet - vor seinem Umbau zu Galerieräumen. Das ist kluges Marketing und gleichzeitig eine noble Geste, eine Schlange von Besuchern wird dadurch angezogen.

Kaufhaus Leipziger Ecke Charlottenstraße
Die Modehändler Kersten & Tuteur ließen 1913 das Eckhaus an der Leipziger und Charlottenstraße durch den Landhaus-Architekten Hermann Muthesius umbauen, um mit einer großen Schaufensteranlage "die Blicke schon von fernher auf sich zu ziehen". Muthesius hat auf der prominenten Ecke das Schaufenster dreigeteilt und über zwei Stockwerke geführt. Die Pfeiler wurden mit Figuren verziert. In zwei Etagen wurden Konfektion und Modeartikel "en detail" verkauft, in der dritten Etage an Wiederverkäufer ("en gros"). Weiter oben im Haus gab es Ateliers und Salons für Maßanfertigung.


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"Die Ansprüche des Kaufmanns seien in vornehmster Weise mit denen der Kunst vereinigt", hieß es damals, und damit ist gedanklich die Brücke geschlagen zum Gallery Weekend. Heute ist Kunst auch im Haus, eine Galerie stellt ihre Werke hier aus. Die unterschiedliche Größe der Räume von intimem Zuschnitt bis zu hallenartiger Abmessung gestatten die Hängung und Präsentation ganz unterschiedlicher Werke. Das als Ausstellungsraum nach außen präsentierte Schaufenster zeigt eine Wandbemalung mit einer Vielzahl von Augen und Ohren aus Skizzenbüchern der Renaissance. Sie scheinen nach außen zu lauschen und zu schauen und holen damit die Gegenwart ist das außergewöhnliche historische Gebäude.


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Die untergegangene Altstadt