|
Stadtbezirk: Kreuzberg Bereich: Lausitzer Platz, Wrangelkiez, Oranienstraße, Kottbusser Tor Stadtplanaufruf: Berlin, Lausitzer Platz Datum: 14 Januar 2008
Das Thema Markthallen vom letzten Montag ("Hier stinkt kein Fisch") beschäftigt uns weiter, und so führt unser heutiger Rundgang vom Lausitzer Platz über den Wrangelkiez und die Oranienstraße zum Kottbusser Tor. Oberhalb des Lausitzer Platzes, zwischen Eisenbahnstraße und Pücklerstraße befindet sich die Eisenbahnmarkthalle, die immer noch in Betrieb ist, aber ein trostloses Dasein fristet.
Rote und gelbe Klinker und Ornamente weisen auch hier auf den Stadtbaurat Hermann Blankenstein hin, der in den 1880er Jahren die meisten kleinen Markthallen in Berlin gebaut hat. Die historische Fassade mit dem großen Rundbogen an der Eisenbahnstraße hat ein paar beleuchtete Fenster, während an der Backsteinfassade an der Pücklerstraße alle Jalousien heruntergelassen sind. Die Lichtreklame an beiden Fassaden ist zum Teil ausgefallen, die Halle nur zum Teil belegt.
Alles wirkt so, als sei das "Cuvry-Center" wirklich gebaut worden, vor dem die Einzelhändler in der Markthalle Angst hatten, dass es ihnen die Kunden entziehen würde. Doch die Botag, die diese Idee auf einem Eckgrundstück an der Cuvrystraße vor 15 Jahren verwirklichen wollte, verkaufte das Projekt an die IVG, die den "Neuen Spreespeicher", wie das Kind inzwischen heißt, aber immer noch nicht begonnen hat. So hat der Zeitablauf und nicht die Konkurrenz von modernen Einzelhandelsflächen die kleine Markthalle wirtschaftlich ausgehöhlt.
Auf unserem weiteren Weg sehen und fühlen wir Kiez: Graffiti und Plakate an den Hauswänden, schrille Läden, buntes Kiezvolk, Heterojungs und -mädels zwischen schwulen Pärchen beim Cocktail oder Bier in den Kneipen, dazwischen auch Gediegenes wie der Neue Berliner Kunstverein oder schicke Lokale. Wir sind mitten in SO 36, dem alten Berliner Südosten mit der früheren Postleitzahl 36.
Der Oranienhof an der Oranienstraße macht neugierig. Ein typischer Kreuzberger Wohn- und Gewerbebau mit drei Höfen. Die Straßenfassade mit einem Erker, der von zwei Atlanten gestemmt wird, die Höfe stilvoll und ansprechend. Hier hat vor hundert Jahren die Firma Deuta "Autotempometer", also Tachos produziert. Sie rühmt sich heute noch auf Ihrer Homepage: "Der Name Deuta wird zum Synonym für Genauigkeit in Automobilen und selbst der Kaiser verlässt sich in seinen Fahrzeugen auf Tachometer von Deuta". Heute sitzt die Fabrik im Bergischen.
Und noch andere hübsche Namen gab es in jener Zeit auf diesem Hof: eine Spielwarenfabrik Liebe, eine Maschinenfabrik Bierfreund, eine Kartonagenfabrik Zapf & Nägele und eine Buchdruckerei mit Namen Groß & Co. Und heute residiert hier unter anderem "Gras-Grün, Fachhandel für ambitionierte Zimmergärtner", und diese hintergründige Firmierung ist wirklich so gemeint, in dem Forum ihrer Homepage beschäftigt sie sich ausschließlich mit Themen wie "Lecker Haschisch-Kuchen von der Polizei". Die Szenekneipe im Haus hat den Namen der Maschinenfabrik abgewandelt oder zufällig einen ähnlichen Namen gefunden, sie heißt "Bierhimmel".
Zum Schluss kehren wir auf dem Weg zum Kotti (Kottbusser Tor) und seiner U-Bahnstation bei einem Italiener ein, der in Symbiose mit dem "Würgeengel", einer Bar, mit einem schmalen internen Durchgang lebt, den wir ausnahmsweise benutzen dürfen. Das Essen ist gut, das Lokal ist nicht sehr voll. es wird wohl vom Kiezpublikum nicht wahrgenommen. ------------------------------------------- Kommentar einer Leserin: "Wenn ein Lokal namens Würgeengel voll wäre, gäbe mir das sehr zu denken".
|
|