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Die fehlende Biografie


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Ruhwaldpark
Stadtplanaufruf: Berlin, Ruhwaldweg
Datum: 23. Mai 2018
Bericht Nr.: 620

Mit dem Andenken des Verlegers Ludwig von Schaefer-Voit ist die Nachwelt nicht gut umgegangen. Seine Modezeitschrift wurde nach Jahrzehnten vom Markt verdrängt. Zwei Schlösser, die er nacheinander erbaute und bewohnte, wurden abgebrochen. Sein Grabmal war der Stadtautobahn im Weg, es sind davon nur noch Bruchstücke vorhanden. Die Büsten, die ein Bildhauer von ihm und seiner Frau geschaffen hat, sind in den Vorraum einer Grundschule gewandert. Sein Name wird regelmäßig falsch geschrieben, weil die unzutreffende Schreibweise auf dem Grabstein übernommen wurde. Seine Biografie fehlt auf Wikipedia.

Ludwig von Schaefer-Voit
Der Verleger Ludwig von Schaefer-Voit - 1819 als Louis Schäfer geboren - ergänzte später seinen Namen Schaefer um den Nachnamen der Ehefrau (Schäfer-Gümbel hat's in unseren Tagen nachgemacht). Erst nach seinem Tod kam ein zweites "f" in den Namen, aus Schaefer-Voit wurde Schaeffer-Voit, und da es so auf dem Grabstein stand ("was man schwarz auf weiß besitzt..."), wurde er nach seinem Tod durch den Steinmetz faktisch zum zweiten Mal umbenannt. Schaefer verlegte ab 1854 die Modezeitschrift "Bazar", jahrzehntelang das unangefochten führende Journal für Damen, und kam dadurch zu einem Millionenvermögen.

Er wurde zum “Geheimen Kommerzienrat” ernannt, 1865 verlieh der König ihm den Adelstitel. Schaefer-Voit war im gehobenen Bürgertum angekommen, was sich beispielsweise auch in seiner Mitgliedschaft im "Verein für die Geschichte Berlins" ausdrückt. Sein persönliches Leben war davon überschattet, dass seine vier Söhne vor ihm starben, unter anderem in Kriegen gegen Österreich und Frankreich.

Schloss und Park Ruhwald
Am Spandauer Berg ließ er sich 1868 vom Architekten Carl Swatlo - der sich mit Postbauten einen Namen gemacht hat -, ein Schloss im neoklassizistischen Stil mit 30 Zimmern errichten. Nebengebäude wie Dampfmaschinenhaus, Fasanenhaus, Teehaus, Treibhäuser, Gärtnerhaus und Pferdestall rundeten das Ensemble ab. Auf dem rund 5,8 Hektar großen Grundstück - einer Fläche, die dem Kleistpark in Schöneberg entspricht - legte er einen Park mit amerikanischen Nadelhölzern und einer kleinen Teichanlage an.


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Für seinen vier Jahre vorher im Krieg an Cholera gestorbenen Sohn Udo ließ er im Park eine Felsgruppe als Grabdenkmal künstlich anlegen, eine Engelsfigur krönte die Erhöhung. Doch die Umbettung des Grabes wurde ihm verwehrt, das Felsenmonument ist später abgetragen worden. Der Sohn fand seine endgültige Ruhestätte im Mausoleum der Familie, auch der Engel wurde auf dem Friedhof aufgestellt. Der Name "Ruhwald" geht auf die hier geplante Ruhestätte zurück.

Schloss Blankenburg
Den Wunsch, Schlossherr zu sein, gab Schaefer-Voit auch nicht auf, als er nach 5 Jahren wegen eines Nachbarschaftsstreits das Anwesen verkaufte. In Blankenburg(-Mahlow) südlich von Berlin ließ er ein Jahr später ein Gutshaus zum Schloss umbauen, wahrscheinlich wieder vom Architekten Carl Swatlo. Seine Tochter übernahm 1887 das Schloss nach Schaefer-Voits Tod. Den Großteil des Schlossparks verkaufte sie 1927 an die Gagfah, die dort eine Siedlung errichtete. Das Schloss überstand die DDR-Zeit nicht. Der "sinnlose Abbruch des attraktivsten architektonischen Blankenfelder Bauwerks" 1948 wird heute als "eine der Schandtaten der Vertreter der Gemeinde" angesehen. Damit hatte es ein ähnliches Schicksal wie das erste Schloss Schaefer-Voits in Ruhwald, das 1937 von den Nazis geschliffen wurde.

Mausoleum
Als letzte Ruhestätte für sich und seine Familie hatte Schaefer-Voit ein Mausoleum auf dem Luisenfriedhof II in Charlottenburg errichtet. Eine pompösen Familiengrabstätte, die in ihrer Größe - 2.500 qm oder ein Drittel eines Fußballfeldes - von keiner Berliner Grabanlage überboten wurde. Ein Mausoleum stand auf diesem Privatfriedhof, das Ehepaar Schaefer-Voit und die 4 Söhne waren hier beerdigt.

Unheil kündete sich an, als Albert Speer bei seinen Germania-Planungen die den Friedhof flankierende Königin-Elisabeth-Straße zu Lasten des Friedhofs verbreitern wollte. Hierzu kam es nicht mehr, aber der Bau der Stadtautobahn führte im Nachkriegs-Berlin zu demselben Ergebnis: Vom Friedhof wurden weitgehend die Flächen des Schaefer-Voit‘schen Privatfriedhofs abgeschnitten, nur ein Pfeiler und ein Gedenkstein blieben übrig. Die Urnen wurden auf der Restfläche eingebuddelt.

Im Park Ruhwald standen in den Kolonnaden die Büsten des Ehepaars Schaefer-Voit, die Carl Cauer geschaffen hatte. Sie waren ebenfalls zum Friedhof verbracht worden. Bei der Auflösung des Mausoleums erhielten sie einen neuen Platz im Vorraum der Grundschule, die den Namen Cauer trägt. "Woher kommen eigentlich die Büsten in unserer Eingangshalle?" fragten sich die Schüler und dokumentieren auf ihrer Homepage, wer hier geehrt wurde und dass es sich um Werke von Carl Cauer handelt.

Wenn in der analogen Welt alle Hinweise auf Schaefer-Voit (Schaeffer-Voit) vernichtet oder verstreut wurden, wie steht es dann um seinem Nachruhm im digitalen Zeitalter? Hier setzt sich das fehlende Gedenken fort. Es existiert in Wikipedia keine Seite, die sich seiner Biografie widmet, nur Erwähnungen zu anderen Stichworten wie Ruhwald oder Blankenburg oder Bazar sind zu finden. Auch in der Homepage "Deutschen Biographie" findet sich in 50.000 biographischen Artikeln keine Würdigung des Verlegers und Schlossherrn. Wer in der analogen und der digitalen Welt nicht vorkommt, ist wirklich vergessen.

Spandauer Berg
Folgt man dem Spandauer Damm vom Bahnhof Westend Richtung Ruhleben, dann muss man eine Steigung von 25 Metern bewältigen. Hier trifft man unversehens auf das Berliner Urstromtal. Zwischen den Ebenen des Teltow im Süden und des Barnim im Norden hat sich die Spree tief eingegraben. Die Niveauunterschiede werden in der Stadt teilweise fließend ausgeglichen wie am Prenzlauer Berg, manchmal wird die Kante deutlich sichtbar wie beim "Berliner Balkon". Der Park Ruhwald liegt an der Nordkante des Teltow-Hochplateaus. Das Gelände fällt von dort aus 30 Meter tief zur Spree hinab. Schloss Ruhwald - auf dem höchsten Punkt des Spandauer Berges errichtet - bot daher einen grandiosen Rundblick, bis die Bäume den Blick nahmen.

Ab 1879 konnte man mit der Pferdebahn vom Bahnhof Westend zum Spandauer Berg fahren. Die Wagen waren wegen des steilen Wegs mit zwei Pferden bespannt. Drei Jahre später richtete Werner Siemens für ein Jahr einen Testbetrieb mit zwei elektrischen Triebwagen mit Oberleitung ein. Zeitgleich hatte Siemens den elektrischen Oberleitungsbus Electromote auf dem Kurfürstendamm getestet. Die erste elektrische Straßenbahn im Linienbetrieb rollte bereits seit 1881 in Lichterfelde.


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Napoleon, der bei der Besetzung Berlins im Schloss Charlottenburg residierte, hat 1808 für die einfachen Mannschaften seiner Besatzungstruppen eine Barackenstadt auf dem Spandauer Berg errichten lassen. Es waren einstöckige Holzbauten, an drei Straßen gelegen. Dieses Lager "Napoleonsburg" wurde noch in demselben Jahr wieder abgebrochen, die Häuser wurden versteigert. Reste von Tiefbrunnen ("Franzosenbrunnen") aus jener Zeit blieben erhalten.

Der fränkische Brauer Conrad Bechmann betrieb südlich des Spandauer Damms eine Brauerei "Spandauer Bock" mit Ausschank. 1847 erweiterte er sein Etablissement um ein Ausflugslokal auf der gegenüberliegenden Seite des Spandauer Damms, auf dem Spandauer Berg. Dort wurden ein Alpenpanorama mit Wasserfällen, Militärkonzerte, Bockbierfeste und Feuerwerk als Volksbelustigung geboten. Für Theodor Fontane war das "Tingeltangel und Karfreitags-Radau".

Neben dem Ruhwaldpark legte der Brauer Bechmann 1884 für sich und seine Familie ein ebenfalls parkartiges Anwesen mit einer Villa im Neorenaissancestil an, die genau wie Schaefer-Voits Schloss auf der Hangkante gelegen war. Architekt der Villa war Alfred Schrobsdorff, der "Baukönig von Charlottenburg". 1927 wurde im Bechmann'schen Park die Villa Rheinberg als weiteres Gebäude errichtet.

Schloss und Park Ruhwald ab 1872
Der Malzfabrikant, der Schaefer-Voit das Ruhwald-Anwesen abgekauft hatte, errichtete - wohl angeregt durch das benachbarte Ausflugslokal - selbst ein Restaurationsgebäude auf dem Grundstück, musste aber bald aufgeben. Den Niedergang dieses Etablissements kommentierten die Berliner mit dem Spruch "Nun ruhen alle Wälder, vor allem Ruhwald selber".

Später gehörte der Ruhwald-Besitz als Zweigstelle zum Schöneberger "Maison de Santé", einer modern ausgerichteten Nervenheilanstalt. 1925 erwarb die Stadt Schloss und Park Ruhwald, 1936 wurde auch das benachbarte Bechmann'sche Anwesen Eigentum der Stadt und mit dem Ruhwaldpark verschmolzen. Bei der Umgestaltung zu einem Volkspark sind mit Brachialgewalt sowohl die Villa Bechmann als auch das Schloss Ruhwald mit fast allen Nebengebäuden abgerissen worden. Der Abriss des kriegsbeschädigten Kavalierhauses folgte 1952.

Erhalten blieben lediglich die Kolonnaden des Kavalierhauses und die Villa Rheinberg. Diesem Haus dient heute - von einem Zaun umgeben und von einem Polizeiposten bewacht - einer jüdischen Kita als Quartier. Die Kolonnaden sind in den letzten 10 Jahren so verkommen und überwuchert, dass man sie mit einem Zaun schützen musste. Nur von weitem erkennt man die Abgüsse der Büsten des Gründerpaares von Ruhwald.


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Leni Riefenstahl
Die hitlernahe Fotografin und Regisseurin Leni Riefenstahl zelebrierte in ihren zwei Filmen über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin die Schönheit der menschlicher Bewegung und Kraft in einer nationalsozialistischen Ästhetik. "Stählerne Muskeln, makellose Leiber", aber in einem "seelenlose Schönheitsideal". Tatsächlich erhob sie damit Sportaufnahmen auf die Ebene der Kunst und erhielt dafür viele, auch internationale Auszeichnungen. Die Uraufführung erfolgte an Hitlers 49. Geburtstag im Ufa-Palast.

Mit großem Aufwand und mit moderner Technik wurden die Dreharbeiten während der Spiele durchgeführt. Riefenstahl arbeitete mit einem Riesenstab an dem Film, allein 34 Kameramänner drehten die Aufnahmen. Eine logistische Herausforderung, für die das nur einen Kilometer vom Olympiastadion entfernt gelegene Schloss Ruhwald zum Hauptquartier wurde. Die Riefenstahl schreibt hierzu in ihrem Memoiren:

"Wir quartierten uns alle in Schloß Ruhwald ein, einem alten, unbewohnten Gebäude in einem Park an der Spandauer Chaussee, in der Nähe des Stadions. Die Zimmer wurden notdürftig mit Feldbetten und Obstkisten möbliert. Büros, Reparaturwerkstätten, Materiallager, eine Kantine wurden eingerichtet. Wir brauchten Schlafsäcke und Platz für den Wagenpark. Unser Arbeitsplatz für die nächsten Wochen glich einem spartanischen Hauptquartier. Bis zu 300 Personen waren hier beschäftigt, von denen die Hälfte dort auch wohnte. Von hier aus fuhren die Filmtrupps Tag für Tag auf das Olympische Gelände. Zwischen Ruhwald, Stadion und den Kopierwerken Geyer wurde ein pausenloser Pendelverkehr eingerichtet, um das belichtete Filmmaterial noch am selben Tag zu prüfen, die Arbeitsweise der Kameraleute zu diskutieren und aus etwaigen Mängeln des Materials Schlüsse ziehen zu können".


Vor 11 Jahren waren wir bereits einmal zum Charlottenburger Kalksteinfelsen am Brixplatz und zum Ruhwaldpark unterwegs. Bei unserem abschließenden Flaniermahl im "Il Cardinale" am Steubenplatz wurden wir damals freundlich bedient und kulinarisch verwöhnt. Wir haben es heute wieder versucht und waren erfreut über die unverändert freundliche Aufmerksamkeit und die Qualität der Gerichte, Kompliment.

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Unser Ziel:
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Berlin, halt ein, besinne Dich